AGR

Aktionsgemeinschaft Rottenburg



Wider den zentralistischen Zeitgeist in Welt- und Ortskirche



Brief der Aktionsgemeinschaft Rottenburg (AGR)
von ihrer Hauptversammlung am 9. November 1998 in Böblingen



Wir, die „Aktionsgemeinschaft Rottenburg“, eine Solidargemeinschaft von 180 Priestern der Diözese Rottenburg-Stuttgart, haben mit unserem Brief den dringenden Wunsch, unsere Kollegen genauso wie die Frauen und Männer im kirchlichen Dienst zu ermutigen, uns trotz des „offiziellen“ Windes, der uns entgegen weht, mutig, zuversichtlich und entschlossen dem Herrn verbunden zu wissen, der kam, um zu dienen und sein Leben zu geben.

Wir schreiben diesen Brief auch im Blick auf unsere evangelischen Kolleginnen und Kollegen und bitten sie, sich nicht von jenem Bild der Katholischen Kirche blenden oder irritieren zu lassen, das ihnen vielfach offiziell präsentiert wird.

Wir empfinden die letzten Römischen Verlautbarungen als wenig hilfreich, ja als entmutigend, teilweise auch diskriminierend. Sie lassen uns nicht mehr den Geist des Zweiten Vatikanischen Konzils spüren, in dem die Mehrheit von uns freudig und entschlossen angetreten ist. Wir wissen, daß nicht alle Dokumente des Konzils in derselben Eindeutigkeit davon sprechen, wie wir die Gemeinschaft der Glaubenden unter dem Wort Gottes begreifen, wie wir ihre Dienste sehen, auch den Dienst der Leitung. Wir verweisen auf das biblische Modell der Einmütigkeit. Es kennt dort, wo es sein muß, den „Widerstand von Angesicht zu Angesicht“. Es erläßt aber keine Formeln, die Menschen daran hindern, in voller Bereitschaft am Aufbau des Leibes Christi mitzuwirken. In diesem Modell werden Menschen eingeladen und mit ihren verschiedenen Geistesgaben ermutigt. Sie kennen dabei die Bitte des Herrn, der will, daß alle eins sind.

Zu drei Themen wollen wir unsere Meinung äußern und darüber zum Gespräch einladen: Das gemeinsame Priestertum aller Glaubenden, die Amtsfrage und die Ökumene.

1. Gemeinsame Verantwortung aller Getauften in Kirche und Gemeinde

Wir gehen in unserem Dienst davon aus, daß der erste Petrusbrief alle Glaubenden als Priester sieht, die Gottes Versöhnung mit der Welt in Jesus Christus bezeugen und so mitwirken an seinem Reich der Gerechtigkeit, der Liebe und des Friedens. Dabei ist Jesus Christus der einzige Hohepriester und Mittler zwischen Gott und den Menschen.

Er beruft Menschen - und wir alle sind vor ihm „Laien“, die zum „laos tou theou“, zum „Volk Gottes“ gehören. Er beruft Menschen, Männer und Frauen, zu verschiedenen Diensten in der Gemeinde. Wir sehen bereits im Neuen Testament eine Entwicklung dieser Dienste (z.B. 1. Korintherbrief, Pastoralbriefe).

Bestimmte Notwendigkeiten der Gemeinden fordern bestimmte Regelungen. Wir wissen, daß sich im Lauf der Kirchengeschichte auch Fehlentwicklungen ergeben haben. Gerade zeitlich bedingte Entscheidungen müssen am Geist Jesu orientiert werden. Sie sollen nicht den Eindruck eines Geistes erwecken, der durch künstlich aufgebaute Fronten seine Macht sichern will.

Wir schätzen es, daß die Reformation fatale Entwicklungen aufzeigte und mit vielen, die in der Römischen Kirche blieben, Erneuerungen im biblisch orientierten Sinn vorantrieb.

Die Trennung in Kleriker und Laien, die auch heute immer wieder auftaucht, muß überwunden werden. Wir gehen von der communio aller unter dem einen Haupt Jesus Christus aus und bekennen uns zur „una sancta catholica et apostolica“. Wir bitten zu bedenken, daß in dieser Aufzählung des Credo ein „romana“ fehlt. Das sollte uns allen bewußt machen, daß „catholica“ noch kein Zustand, sondern eine Zielvorstellung ist. Sie ist freilich nicht durch eine irgendwie geartete Rückkehr der getrennten Schwestern und Brüder zu erreichen, sondern durch eine Hinkehr aller zum Wesen der Kirche Jesu Christi, wie sie uns als Jüngerschaft im Neuen Testament begegnet

2. Die Amtsfrage

Wir bejahen den Dienst der Einheit, den das kirchliche Amt leistet, aber wir wollen ihn verstanden wissen im Sinne Jesu an Petrus: „Du aber, stärke deine Brüder!“ Amt ist Dienst und Dienst ist Amt, das auf geschwisterliche Weise mithilft, jene Einheit zu finden, die Jesus Christus uns durch seinen Geist schenkt.

Wir betonen: Einheit besagt nicht Einförmigkeit, sondern Einheit in Vielfalt. Sie wehrt Spaltungen, aber verhindert Uniformität. Sie begreift Loyalität nicht als sklavisches Nachbeten irgendwelcher Instruktionen.

Glaubensgehorsam gibt es nur Jesus Christus gegenüber. Wo das Amt gegen Spaltung oder irgendein Unrecht auftritt und so auch zum Gegenüber bestimmter Kreise werden kann, tut es dies immer aus der ursprünglichen Eingebundenheit in die Glaubensgemeinschaft.

Wir wünschen uns auch in der Primatsfage ein Leitungsmodell, das der Stärkung der Glaubensgemeinschaft dient, statt zu einem rechthaberischen und zentralistischen Jurisdiktionsprimat zu verkommen, der Entwicklungen abbremst, statt fördert, abschließt, statt eröffnet, der leider auch viele entmutigt, statt ermutigt.

Wir vertreten kein demokratisches Modell der Kirche in dem Sinn, daß die Mehrheit über die Minderheit triumphiert, genauso wenig ein zentralistisches Modell, wo einer über den anderen das Sagen hat. Wir vertreten das Modell einer communio, in der Probleme in synodaIen Prozessen so lange behandelt werden, bis Lösungen gefunden werden. Dies erhoffen wir für Probleme in unseren Gemeinden, in der Diözese, in der Bischofskonferenz und mit dem Bischof von Rom, Ganz aktuell sind derzeit die Fragen um die „Laienpredigt“ und fragen der Zulassung zum Amt angesichts einer Situation, in der die Feier der Eucharistie als Zentrum des Gemeindelebens gefährdet ist.

3. Die Ökumene

Die Ungleichzeitigkeiten zwischen gelebter Ökumene vor Ort und kirchenoffiziellen Positionen sind frappierend. Vielerorts „geht“, was amtlich nicht gehen darf. Wir suchen in der Ökumene nicht den bequemsten Weg und nicht einfach den kleinsten gemeinsamen Nenner. Wir haben ja bereits 1977 unsere evangelischen Kolleginnen und Kollegen eingeladen, über Amt und Abendmahl nachzudenken. Gerade die Unterschiedlichkeit der Traditionen und Auffassungen ist bereichernd, aber nur dort, wo wir die vom Herrn und nur von ihm bereits geschenkte Einheit im Blick haben.

Heute wie damals braucht es eine communio mit einer ähnlichen Vielfalt wie zur Zeit der Entstehung des Neuen Testaments. Wenn wir in einer „Wüstenzeit“ sind, die unsere ökumenischen Beziehungen betrifft, dann brauchen wir gerade auf der Wanderung durch die Wüste das stärkende Brot und den verbindenden Wein - und zwar dort, wo die Verschiedenheit der Traditionen aufgearbeitet ist und gleichzeitig die Liebe eine tiefe Verbundenheit geschaffen hat.

Im Blick auf die Erklärungen zur Rechtfertigungslehre dürfen wir bedenken, daß Gott uns schenkt, was unsere Aufgabe ist: Dienerinnen und Diener seiner frohen und freimachenden Botschaft zu sein, die uns gerade heute zu unserem Dienst an den Menschen ermutigt.



Die Hauptversammlung der AGR Böblingen, 9. November 1998 AGR - Geschäftsstelle, Pappelweg 15-17, 72270 Baiersbronn



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© 29.12.1998 AGR

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