AGR

Aktionsgemeinschaft Rottenburg

Priestersein in der Gemeinde von morgen"

Positionspapier der Aktionsgemeinschaft Rottenburg


Dieses Papier richtet den Blick vor allem auf den Dienst des Priesters. Es setzt die theologische Arbeit der letz­ten Jahre voraus und will einen Beitrag zur praktischen Umsetzung leisten. Dabei ist klar: Wenn der priesterliche Dienst neu gesehen wird, dann verändert sich bei der gegenwärtigen Verflechtung von haupt- und nebenberufli­chen Diensten auch das ganze Gefüge der Mitarbeiter. Darauf wird aber hier nicht eingegangen.

1. Eine Neuorientierung für den Dienst des Priesters ist notwendig

Der Dienst des Priesters besteht in dem Auftrag, in Wort und Tat das Evangelium zu bezeugen, im Auftrag der Kirche für die Vereinigung mit Gott und für die Einheit unter den Menschen zu wirken und an den Knotenpunk­ten des Lebens sichtbar zu machen, dass Christus Grund, Haupt und Herz kirchlichen Tuns ist. Dieser Dienst wird auch heute von den Gemeinden erwartet und ist in der Ökumene wie in der Gesellschaft gefragt.

Damit sind hohe Erwartungen an die theologische, spirituelle, menschliche, soziale, kommunikative und „lei­tungskompetente" Qualifikation des Priesters gerichtet. Zugleich können heute angesichts des immer größer werdenden Priestermangels die weniger werdenden aktiven Priester den dadurch zusätzlich anfallenden Erwar­tungen nicht mehr gerecht werden. Sie sind der persönlichen Überforderung mit allen negativen Auswirkungen ausgesetzt und können, so belastet, die Berufung zum Priester an junge Menschen kaum mehr attraktiv vermit­teln. _

Im 19. Jahrhundert konnte die Rolle des Priesters als allein zuständiger „Pfarrherr" und für alles verantwortlicher „Vater" seiner Pfarrfamilie sich segensreich entfalten. Heute stellt aber ein solches Priesterbild ein Hindernis dar, weil sich die gesellschaftlichen Lebensbedingungen im 20. Jahrhundert grundlegend verändert haben. Des­halb hat auch das Zweite Vatikanische Konzil eine neue Sicht von Kirche und Gemeinde entwickelt. „Die Ge­meinde mit all ihren Diensten und Charismen, auch dem des Amtes, ist Trägerin der Seelsorge" - so lässt sich das neue pastorale Leitbild beschreiben (Pastorale Perspektiven der Diözese Rottenburg-Stuttgart, Diözesanrats­beschluss 1992). Wird dieses Leitbild ernst genommen, verändert sich die Rolle des Priesters grundlegend.

Wenn das überkommene Selbstbild des Priesters als allein beauftragter und verantwortlicher Träger der Seelsor­ge weiterhin gelebt wird oder wenn Mischformen zwischen bisherigem und neuem Priesterbild gesucht und entwickelt werden (wie „Leitungsteilnahme", Delegation u. a.), kommt es auf allen kirchlichen Ebenen zu Tur­bulenzen, Konflikten, Enttäuschungen und Frustrationen, und die pastoralen Grundaufgaben werden massiv gestört. Deshalb muss geklärt werden, welche Verantwortlichkeiten den einzelnen Diensten zukommt.

Durch die erfreuliche Entwicklung der für Frauen und Männer offenen Pastoralen Berufe wie Pastoralreferen­ten/innen und Gemeindereferenten/innen ergeben sich auch neue Chancen für die Pastoral: Sie sind an anderer Stelle eigens zu erörtern. Für die Priester stellt sich dadurch die Frage, welche Rolle sie in diesem veränderten Mitarbeitergefüge auszufüllen haben.

Eine Neuorientierung für den Dienst des Priesters ist daher dringend notwendig, • damit die Gemeinden Subjekt der Seelsorge werden und sein können

damit die neuen Pastoralen Berufe eine Zukunftsperspektive haben

damit die Priester ihren Beruf begabungsbezogen, persönlich beglückend und für andere ansteckend leben können.

2. Die Gemeinde als Subjekt der Seelsorge und der Dienst des Priesters

Wollen wir eine Kirche, die ihre Sendung zur Evangelisierug erfüllt, und soll diese Kirche in der Gemeinde lebendig sein, dann müssen alle Kräfte darauf konzentriert werden, die Gemeinden so zu fördern, dass sie ihrem Auftrag und ihren Aufgaben gerecht werden können. Der Dienst des Priesters und der aller anderen Pastoralen Berufe muss vorrangig dieser Gemeindeentwicklung dienen.

Das Ziel solcher Gemeindeentwicklung ist die sich selbst tragende Gemeinde in lebbarer, überschaubarer Grö­ße, die orientiert am Evangelium, die pastoralen Grunddienste (Martyria, Liturgie, Diakonie, Koinonia) erfüllt. Diese Zielvorgabe bedeutet eine Absage an zentralistische pastorale Lösungen wie Auflösung oder Zusammen­legung von Gemeinden mit einer zentralen Leitungs- und Verwaltungsstelle.

Soll eine Gemeinde sich selbst tragen, braucht sie ihr entsprechende kooperative Leitungsformen. Daher ist es wichtig, Gemeindemitglieder mit entsprechenden Fähigkeiten zu suchen, zu fördern, zu begleiten und sie als Verantwortliche für die notwendigen Dienste dem Bischof oder - je nach Situation - dem Pfarrer zur Beauftra­gung mit entsprechenden Kompetenzen vorzuschlagen.

Die öffentliche Verkündigung des Evangeliums und die Spendung der Sakramente sind fundamentale Aufga­ben der Gemeinden. Die dafür notwendigen Dienste zu entwickeln, zu befähigen und zu beauftragen, ist Sache des Bischofs bzw. des Pfarrers.

Weil eine Gemeinde auf die Dauer ohne die sonntägliche Feier der Eucharistie nicht lebensfähig ist, braucht sie ordinierte Amtsträger. Da die Zahl der verfügbaren Priester immer kleiner wird, müssen die Zugangsbedingungen zum Priesterberuf neu durchdacht werden. Es ist zu fragen, ob nur hauptberufliche, akademisch ausgebildete und zur Ehelosigkeit um des Himmelreiches willen berufene Männer diesen Dienst übernehmen können. Bisher sind Gemeindeleitung und Eucharistievorsitz untrennbar an den Dienst des überkommenen Priesters gebunden. Doch muss jeder Priester, der die Eucharistiefeier leitet, auch die Gemeindeleitung insgesamt wahrnehmen? Gab es nicht auch bisher immer schon Priester, die keine Gemeinde geleitet, sondern ihren Priesterberuf mit anderen Aufgaben verbunden haben (Orden, Schule, Krankenhaus oder andere kategoriale Bereiche)?

Paul Zulehner, Pastoraltheologe in Wien, und Fritz Lobinger, Bischof in Aliwal (Südafrika) haben an die Situa­tion in den paulinischen Gemeinden erinnert. Dort gab es neben dem gemeindegründerisch-missionarischen Priestertyp („Pauluspriester") einen am Ort gemeindeleitenden gottesdienstvorstehenden Typ („Korinthpries­ter"). Sie schlagen entsprechend vor, den herkömmlichen Priestertyp heute durch einen aus der konkreten Ge­meinde gewonnenen und für sie bestellten Priestertyp zu ergänzen; dieser Priester neuen Typs könnte eine profa­ne Berufstätigkeit ausüben, verheiratet sein und der Eucharistiefeier der Gemeinde vor Ort vorstehen; von hier aus würde er die Gemeinde in der Spur des Evangeliums halten, aber nicht im überlieferten Sinn zugleich die Gemeinde leiten. (Vgl. Paul M. Zulehner - Fritz Lobinger, „Um der Menschen und der Gemeinden willen" Plä­doyer zur Entlastung von Priestern, Ostfildern 2002; dies., Pauluspriester - Korinthpriester, in „Christ in der Gegenwart", 2002 / Nr. 42, 349f).

Die Aufgabe der Gemeindeleitung muss sich einerseits aus der Gemeinde selbst entwickeln. Sie bedarf aber als Aufgabe und Dienst gegenüber der Gemeinde auch der Beauftragung durch den Bischof. Wie dieser in seiner Diözese nicht alle Gemeinden persönlich leiten kann, so auch nicht der Pfarrer in einer größeren Seelsorgeein­heit. Folglich müssen weitere Amtsträger eingesetzt und mit entsprechenden Vollmachten ausgestattet werden.

3. Der besondere Dienst des Priesters als Pfarrer einer Seelsorgeeinheit

Der spezifische Dienst des Pfarrers könnte in folgenden Aufgaben bestehen: Er ist für eine größere Seelsorgeeinheit mit mehreren Gemeinden bestellt.

Er lebt das Evangelium vor und ist verantwortlich, dass die Gemeinden in der Spur des Evangeliums bleiben. Er entwickelt mit den Gemeinden und ihren Verantwortlichen Visionen und Leitbilder.

Er baut Brücken zwischen dem alltäglichen Leben und dem Evangelium, motiviert, begeistert und ermutigt die Gemeindemitglieder, dass sie Leid und Freude der Menschen wahrnehmen.

Er hat Zeit, selbst bei den Menschen zu sein, steht für persönliche Seelsorge zur Verfügung und hilft mit, Cha­rismen zu entdecken und die notwendigen Dienste in den Gemeinden zu entwickeln.

Eine besondere Aufgabe besteht darin, die entstehenden Dienste zu beauftragen oder sie dem Bischof zur Beauf­tragung vorzuschlagen und für die Einheit in und zwischen den Gemeinden, mit der Diözese und der Weltkirche Sorge zu tragen.

Sein eigener persönlicher Dienst in der Verkündigung und in der Eucharistie ist unverzichtbar. Andere Aufga­ben, wie etwa die Spendung der Firmung, könnten in Zukunft dazu kommen.

4. Das Leitbild umsetzen

Diese vorgestellte Umorientierung lässt sich nicht in kurzer Zeit umsetzen. Sie lässt sich allerdings auch nicht in eine ferne Zukunft aufschieben. Die Zahlen der in den nächsten Jahren erwartbaren Neupriester lie­gen vor.

In zehn Jahren müsste eine erste Etappe erreicht sein.

Alle Gemeindeentwicklungen, der Einsatz aller Pastoralen Dienste, die Aus- und Fortbildung der Priester müssen sich in das neue Leitbild einfügen. In den Gemeinden sind alle Kräfte zu fördern, die der Evangeli­sierung, der Übernahme von Verantwortung und der Zusammenarbeit der verschiedenen Dienste dienen.

Die vorhandenen Priester - als Pfarrer, Pfarrvikar oder Priester in besonderen Aufgaben - sind zuständig für die Einbindung der Gemeinden und ihrer Verantwortlichen in Diözese und Gesamtkirche. Sie fördern vor allem die Evangelisierung auf allen Ebenen. Solange keine zusätzlichen Priester verfügbar sind, feiern sie in den Gemeinden im Wechsel die Eucharistie, sorgen für andere Gottesdienstformen und befähigen die Mitar­beiter, die sie tragen.



In diesem Papier sind die aufgezeigten Lösungen nicht in allen Verästelungen ausgefaltet. Aber wenn diese Neuorientierung grundsätzlich angestrebt wird, lassen sich auch Details gemeinsam lösen.

Beraten und grundsätzlich angenommen von der Hauptversammlung der AGR am 17.11.2003 in Wendlingen und an den Geschäftsführenden Ausschuss zur Verabschiedung überwiesen.

26.02.2004 WS

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