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Aktionsgemeinschaft Rottenburg

Hans Küng meldet sich mit prononcierten Attacken gegen den Papst wieder zu Wort

,,Jesus dürfte heute nicht predigen“



SZ vom 30.06.1998



Der katholische Theologe wettert gegen eine anmaßende Kirchenleitung, die mit ihrem Bannstrahl gegen die Laienprediger die Seelsorge zusammenbrechen lasse

Von Hans Küng

Die laienfeindliche Instruktion des Vatikans vom November 1997 verdient keine erhöhte Aufmerksamkeit - auch wenn ihr neben Kardinal Joseph Ratzinger, ganz ungewöhnlich, noch sieben weitere Kurienkardinäle durch ihre Unterschriften Gewicht verleihen wollen.

Wird doch dieses Dokument, das die Laien schon in seinem Titel (,, . . . Mitarbeit der Laien am Dienst der Priester“) zu Handlangern des Klerus degradiert, in deutschsprachigen Ländern vom Großteil des Kirchenvolkes und der Seelsorger abgelehnt. ,,Wir machen weiter wie bisher!“ lautet die Parole überall. Die Seelsorge würde auch vielerorts zusammenbrechen, wenn man die dafür ausgebildeten Laientheologen nicht mehr predigen, die Pfarrei leiten, das Krankensakrament spenden, die kirchliche Begräbnisfeier halten ließe.

Aber wie überall gibt es auch im deutschen Sprachraum bischöfliche Propagandisten der römischen Position.

Einerseits die von Rom planmäßig aufgebaute ,,Fünfte Kolonne“ - Bischöfe wie den Fuldaer Erzbischof Johannes Dyba, den Kölner Kardinal Joachim Meisner, den Sankt Pöltener Bischof Krenn oder den von Chur nach Liechtenstein versetzten Bischof Haas.

Sie gefallen sich darin, ihre Bischofskollegen, ihren Klerus und katholische Laienorganisationen abzukanzeln. Darüber hinaus gibt es leider auch gemäßigte, aber sich anpassende Bischöfe. Zur Enttäuschung vieler hat der Bischof von Rottenburg-Stuttgart, Walter Kasper, das Dokument verteidigt, statt gegen die kirchenschädigenden römischen Ausführungsbestimmungen Stellung zu beziehen. Er setzt damit seine überlasteten Pfarrer noch mehr unter Druck, fordert den Widerstand seines Diözesanrates heraus und vergrämt seine Laientheologen. Zum Überdruß veröffentlichte er nun auch noch einen Hirtenbrief über ,,Die Feier der Eucharistie“, der mit allen Mitteln der kirchlichen Propaganda verbreitet werden soll.

Statt guter Hirte seiner ,,Herde“ ist er in diesem Fall nichts als Unterhirte des Oberhirten. Manche meinen, Bischof Kasper zahle mit seiner Kampagne gegen die Laienpredigt den Preis für seine jüngste Aufnahme in Kardinal Ratzingers römische Glaubensbehörde. Dort wurde dem bisherigen, nicht so devoten deutschen Mitglied Bischof Karl Lehmann, immerhin Vorsitzender der Bischofskonferenz, das Mandat nicht verlängert, was problemlos möglich gewesen wäre. Doch ist bislang sowohl Lehmann wie Kasper der durchaus verdiente Kardinalshut versagt worden.

Ja, die Verkündigung ist ,,die erste und die grundlegende Aufgabe des Priesters“.

Aber mit welchem Recht soll dies Aufgabe ausschließlich des Priesters und des Diakons sein? Warum um Himmels willen soll es getauften und gefirmten Christen von vornherein verboten sein, das Wort Gottes zu verkündigen? Nach römischer Auffassung hätte Jesus selber nicht predigen dürfen. War er doch unbestreitbar kein Priester, vielmehr ein der Hierarchie gegenüber kritisch eingestellter ,,Laie“. Und er wollte seine Botschaft auch nicht von einer exklusiven Priesterkaste verbreitet haben, sondern von allen seinen Jüngern: ,,Was ich euch im Dunkeln sage, das sollt ihr im Licht sagen. Und was ihr in das Ohr geflüstert hört, das sollt ihr auf den Dächern predigen!“ heißt es im MatthäusEvangelium. Zahlreiche Bibelstellen bezeugen es: Der Verkündigungsauftrag richtet sich an alle Jünger. Gegen eine ,,Hierarchie“ (,,heilige Herrschaft“) hat Jesus sich in aller Schärfe ausgesprochen.

Das vatikanische Anti-Laien-Dokument will die ,,Homilie“, die bibelauslegende Predigt, endgültig zum Monopol des Klerus machen. Als ob in der Bibel eine Zwei-Stände-Kirche von Lehrenden und Hörenden, Befehlenden und Gehorchenden grundgelegt wäre! Im Neuen Testament hat das Wort ,,Homilia“ nicht den Sinn von Predigt, sondern, schlicht von ,,Umgang“, ,,Zusammensein“. Und ,,homilein“ meint schlicht ,,sich besprechen“, ,,reden“. Darauf läßt sich kein klerikales Homilie-Monopol aufbauen.

Apostolische Praxis war: Die Gläubigen sollen allesamt im Gottesdienst zu Wort kommen: ,,Sooft ihr zusammenkommt, hat jeder einen Psalm, eine Lehre, eine Offenbarung, eine Zungenrede, eine Deutung. Alles soll zur Erbauung geschehen“ (1. Korintherbrief, 14,26).

Nur deshalb konnte sich die christliche Botschaft so rasch im ganzen Imperium Romanum ausbreiten. Sie wurde nicht nur von Aposteln und Evangelisten verkündet, sondern auch von Kaufleuten, Soldaten, Seeleuten, und vor allem von den vielen Frauen, die in den paulinischen Briefen häufig mit Namen genannt werden und die vielfach in den Gemeinden das Sagen hatten. Eine ,,Apostolin“, Junia, wird als ,,hervorragend“ unter den Aposteln genannt.

Auch die ersten großen christlichen Theologen waren meist Laien: Justin, Tertullian, Klemens von Alexandrien, Origenes (der erst später zum Priester geweiht wurde). Viele Bischöfe haben ihr theologisches Werk als Laien begonnen - und wurden zum Teil gegen ihren Willen zur Priesterweihe gedrängt: Cyprian, Basilios, Gregor von Nazianz, Hieronymus, Augustin. In der alten Kirche jedenfalls gab es noch keine Aufspaltung zwischen einer dem Klerus reservierten religiös-theologischen Kultur und einer profanen Laienkultur im modernen Sinne.

Zusammen mit Juridismus und Triumphalismus galt im Zweiten Vatikanischen Konzil der Klerikalismus als eine der Hauptschwächen der vorkonziliaren Kirche. Eine der großen Intentionen des Konzils war deshalb die durchgängige Aufwertung der Laien in der Kirche. Man sündigt deshalb gegen den Geist und Buchstaben des Konzils, wenn man die traditionellen Aussagen über die Priesterschaft zusammenklaubt und die neuen über die Laien in ihren Konsequenzen überhaupt nicht fruchtbar macht.

Dies gilt besonders für den erneuerten Wortgottesdienst, der auch von Laien geleitet werden kann. Theologisch ist dabei der Unterschied der Geschlechter ohne Bedeutung. Gegen Predigten von Frauen, die Jesus selber mit Vorzug behandelt hat, lassen sich keine seriösen dogmatischen Gründe anführen! Gewiß: Dies alles bedeutet keineswegs, daß jeder beliebige Christ deshalb auch schon jederzeit zur Kanzel schreiten darf. Nicht jeder hat dazu das Charisma.

Doch sollten Charismen, auch zum Predigen, dankbar anerkannt und in Dienst genommen werden. Den dafür Ausgebildeten jedenfalls darf die Beauftragung zur regelmäßigen Predigt keinesfalls versagt werden. Es sind die gegenwärtige Kirchenleitung, ihr Kirchenrecht und die Verweigerung einer konsequenten Kirchenreform, die Schuld tragen am Kirchenelend. Die Kirchen sind leerer geworden, die Zahl der Gottesdienste nimmt ab, viele Pfarrhäuser sind verwaist, der Klerus ist überaltert. Wer will sich denn in Zukunft noch in dieser Kirche engagieren, wenn deren Leitung die Erneuerung des, Konzils weiter Stück um Stück verrät?

Doch statt Reform konsequent umzusetzen, läßt eine basisferne und anmaßende Kirchenleitung um der Machstrukturen willen lieber die Seelsorge zusammenbrechen. Es kommt zu zahllosen Zusammenlegungen von Pfarreien, bei denen die Pfarrer ihre Pfarreien und die Pfarreien ihren Pfarrer nicht mehr wirklich kennen. Für Jugendseelsorge oder persönliche Gespräche bleibt kaum noch Zeit. Die Verantwortlichen aber versuchen, diesen beispiellosen Zusammenbruch der pastoralen Strukturen zu verschleiern, als ,,Strukturplan“, ,,Orientierungsrahmen 2005“ oder gar ,,Aufwertung der Laien“. Und jetzt versucht der Vatikan auch noch, die treuesten der Laien zu vertreiben. Wie weit will man es eigentlich noch treiben? Das Unverständnis, der Unmut, die Verbitterung in unseren Gemeinden - nach den päpstlichen Demarchen gegen Frauen-Ordination und Schwangerschaftskonfliktberatung auch noch dies! - ist groß.

Der kirchliche Notstand ist selbstproduziert. Und deshalb ist es an der Zeit, daß endlich einmal ein Bischof die schwerwiegenden Probleme der Kirche nicht mit eleganten theologischen Formeln und Bonhomie überspielt, sondern wirkliche Lösungen vorschlägt. Faßt doch endlich den Mut, verehrte Brüder im Bischofsamt, das Not-Wendende zu tun.

Solidarisiert Euch mit Euren Gemeinden und Eurem Klerus, und gebt nicht römische Diktate an sie weiter! Hans Küng, zuvor Professor für Fundamentaltheologie in Tübingen, wurde nach jahrelangen Auseinandersetzungen mit Rom 1979 vom Papst die Lehrerlaubnis entzogen. Bis 1996 leitete er das fakultätsunabhängige Institut für ökumenische Forschung. Der 70jährige fordert als Präsident der ,,Stiftung Weltethos“ den Dialog der großen Religionen.


Copyright © 1997 - Süddeutsche Zeitung.



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© 15.07.1998 AGR

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