Benedikt XVI holt die Traditionalisten zurück

Informationen und Stellungnahmen

Stand: 20. Februar 2009


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Prof. Hünermann: Schwerer Amtsfehler des Papstes

Text als pdf-Dokument, erschienen in der Südwestpresse



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Hermann Häring - Nicht Williamson, die Lefèbvre-Leute sind der Skandal

Zur Leugnung des Holocaust durch Richard Williamson und zur Stellungnahme von Bischof Kurt Koch

Am 28. Januar hat sich der Bischof von Basel, Dr. Kurt Koch, mit einem Interview an die Öffentlichkeit gewandt. Unmissverständlich widerspricht er darin der Leugnung des Holocaust durch Richard Williamson, dem 1988 von Lefèbvre zum Bischof geweihten Mitglied der „Priesterbruderschaft Pius X.“ Damit steht er im Gleichklang mit vielen römischen und anderen kirchenamtlichen Erklärungen. Aber er gibt der Aufhebung der Exkommunikation von Williamson und seinen drei Kollegen durch Rom eine eigenwillige Deutung, die nicht weiter hilft. Denn Kochs Äußerungen berühren nicht den eigentlichen Skandal, der jetzt durch die dramatischen Ereignisse einer breiten Öffentlichkeit bekannt wurde. Zur Debatte steht ein Problem, das die Mentalität der Piusbruderschaft, die römischen Innenverhältnisse und das theologische Denken des Papstes berührt. Der vorliegende Text soll dieser innerkirchlichen Klärung dienen.

Die väterlichen Empfindungen des Papstes

Bischof Koch versucht, uns zu beschwichtigen, so als verstünden wir nicht, was eine Exkommunikation und deren Aufhebung bedeuten. Er spielt diesen Vorgang auf das Minimum eines allerersten Gesprächsbeginns herunter. Die Suspension der Bischöfe bleibe ja bestehen, der aktuelle Schritt bedeute „noch lange nicht die Versöhnung“, der Beginn des jetzt beginnenden Weges könne „noch sehr lang sein“, die eigentlichen Fragen würden erst jetzt auf den Tisch gelegt. Seit drei Tagen ist dies der Tonfall aller kirchenamtlichen Büros mit der Beteuerung, Rom habe von Williams Meinungen nichts gewusst. Nun wissen wir, dass die Waffe der Exkommunikation im Laufe der Geschichte kirchenrechtlich missbraucht, differenziert, ausgehöhlt und juristisch zu einem toten Skelett ausgequetscht wurde. Deshalb kann man sie vielfältig deuten. Wir wissen aber auch, dass sich im allgemeinen Bewusstsein die ursprüngliche, juristisch noch nicht ausgedünnte Bedeutung des Wortes erhalten hat. Da wird jemand schlicht aus der Kirche ausgeschlossen bzw. in deren Gemeinschaft wieder aufgenommen. Wer aus der katholischen Kirche exkommuniziert ist, hat nicht mehr das Recht, als Katholik oder Katholikin zu sprechen und verliert automatisch alle innerkirchlichen Rechte. Sobald der Bann aber aufgehoben ist, gilt jedes Wort der Betroffenen wieder als Wort eines Katholiken, fallen jede Ablehnung, jede Suspension und jeder Verweis wieder unter die Beweislast desjenigen, der sie ausspricht. Das ist es ja, was im Augenblick Zahllose aufregt. Was Williamson sagt, ist als Wort eines Katholiken grundsätzlich wieder ernstzunehmen. Er hat Recht auf Gehör und die kirchlichen Behörden haben die Pflicht, andere noch gültige Strafen (die Suspension etwa) zu begründen. Viele haben dieses Signal besser begriffen als der apologetisch aktive Bischof Koch. Wenn Williamson den Holocaust also leugnet, spricht er als Katholik. 

Das am 21. Januar von Kardinal Re unterzeichnete Dekret spricht deshalb auch eine andere Sprache. Dort ist von der „geistlichen Notlage“ der Betroffenen und von den „väterlichen Empfindungen“ des Papstes die Rede. Die Rede ist von „gegenseitigen vertrauensvollen Beziehungen“ und von der Festigung „gegenseitiger Kontakte“ zwischen Priesterbruderschaft Pius X: und „Heiligem Stuhl“, was man sich unter letzterem auch vorstellen mag. Gesprochen wird ohne Vorbehalte vom „Geschenk des Friedens“ und der „baldmöglichen Verwirklichung der vollen[!] Gemeinschaft“; also hat die neue Gemeinschaft schon begonnen. Der Papst übernimmt die Rede von Bischof Fellay’s „kindlicher Gesinnung“, der als Sprecher der Vier wiederholt nach Rom geschrieben hat. Man will baldmöglichst „wahre Anerkennung des Lehramts und der Autorität des Papstes“ bezeugen. 

Der Journalist und Vatikanvertraute Andrea Tornielli, Autor so schöner Bücher wie „Das Geheimnis der Tränen“ und „Der Hüter des Glaubens“, dem die Lüftung des vatikanischen Vorhabens anvertraut war, sprach von einer „Geste wahrer Großherzigkeit“, mit der „diesem verlorenen Rest[?]“ der Pius-Brüder eine vollständige Rückkehr zur katholischen Kirche ermöglicht werde. Das alles klingt nicht nach Bischof Kochs weitem Weg, nicht nach der bloßen Hoffnung, dass Gespräche „zu einem guten Ende gebracht werden“. Als einer der ersten deutschen Katholiken hatte Erzbischof Zollitsch das kuriale Dekret freudig begrüßt, obwohl auch er um die Mentalität der Piusbruderschaft genau Bescheid wissen musste. Im Juli 2008 hatte er noch heftig bedauert, dass die Bruderschaft alle fünf vom Vatikan zur Versöhnung gestellten Bedingungen rundum ablehnte. Diese drehte den Spieß ja einfach um und machte ihrerseits die Rücknahme der Exkommunikation ultimativ zur Vorbedingung weiterer Gespräche, - eine Rücknahme, für die laut Fellay zwischen 1. November und 25. Dezember sage und schreibe 1.703.000 Rosenkränze gebetet wurden. 

Kurzum, das offizielle römische Szenario erweckte den Eindruck (und das war auch beabsichtigt), schlussendlich handle es sich um eine letzte und demütige Unterwerfung unter die päpstliche Autorität, vielleicht müsse man noch einige Konzilstexte genauer auslegen. Aber Restfragen sollten dies sein, bis der Konsens endgültig ist. Dass auch dies noch seine Zeit kosten würde, wen hätte das verwundert? Natürlich mag auch hier - wie zwischen Russland und der Ukraine - der Teufel im hart umkämpften Detail sitzen. In jedem Fall galt und gilt bislang die Aufhebung einer Exkommunikation als der entscheidende Versöhnungsschritt, der schon auf einen grundsätzlichen Konsens in wesentlichen Fragen schließen lässt. Anders hätte dies keinen Sinn. Genau das passte ja in die päpstliche Symbolik. Jetzt, zum 50. Jahrestag der Ankündigung des 2. Vatikanischen Konzils, sollte die Spaltung prinzipiell aufgehoben sein; so wichtig dem Papst Auschwitz auch ist, in diesem großkirchlichen Zusammenhang geriet es aus dem Blick. Dies und nicht die absurde Äußerung eines durchgeknallten Bischofs verweist auf den wahren Skandal. 

Überhaupt, wie geht Rom mit Exkommunikationen um? Warum hat man die Bannbulle gegen M. Luther noch nicht zurückgenommen? Warum spricht man den evangelischen Kirchen nach wie vor ihre kirchliche Würde ab (eine Exkommunikation von ganz raffinierter Art), so dass nicht einmal ein Dialog auf gleicher Augenhöhe möglich ist? Warum gilt denn eo ipso als exkommuniziert, wer sich tätig für die Ordination von Frauen einsetzt? Warum bleiben wiederverheiratete Geschiedene gnadenlos von den Sakramenten ausgeschlossen? Kurzum, Kochs Interpretation degradiert die ansonsten so tiefgreifende Exkommunikation und deren Aufhebung zur Höflichkeitsgeste in einem Verhandlungskalkül. Sie sei „noch lange nicht die Versöhnung“, sagt er angesichts der peinlichen Situation, „nur der Beginn eines Weges“, mit „keiner Rehabilitation“ verbunden; eine „Wiedervereinigung“ sei „noch nicht in Sicht“. Verzeihung, Herr Bischof, ich meinerseits glaube nicht, dass Rom mit diesem letzten Mittel der Versöhnung so zynisch umgeht, zumal es um die Wiederversöhnung mit vier Bischöfen geht, deren faktischen Bischofsstatus auch Rom nicht leugnet und über deren Anhängerschaft man genauestens informiert ist. Schließlich wurde die Rehabilitierung vom Chef der Bischofskongregation und nicht der römischen Rechtsbehörde ausgesprochen. Man hat sich in Rom halt getäuscht und man hat zu spät bemerkt, wie naiv diese auf höchster Stelle ausgedachte und so schnell geplatzte Strategie war. Man ließ sich um eines vermeintlichen Ideales willen erpressen.

Warum diese Fehleinschätzung?

Doch ist diese Frage von zweitrangiger Bedeutung. In unerwarteter Massivität und Dreistigkeit zeigte sich plötzlich die antisemitische Haltung, von der die Piusbrüder geprägt sind. Den Strategen in Rom (eine eigene Kommission hatte sich des Falles angenommen) muss dies wohlbekannt gewesen sein, aber sie haben es sträflich missachtet und sich damit selbst entlarvt. Darüber helfen auch nicht nachträgliche Beschwichtigungen hinweg, denn diese Haltung war hinreichend dokumentiert. Die Hasstiraden Lefèbvres gegen „Juden, Freimaurer und Kommunisten“ klingen uns Älteren heute noch in den Ohren; zum Teil sind sie im Internet dokumentiert. Der Prior des deutschen Distrikts der Piusbrüder, Franz Schmidberger (Stuttgart), hielt am 8. April 1989 – also einige Monate nach den genannten Bischofsweihen - eine Grundsatzrede, die er uns im Internet noch heute als die Standortbestimmung seines Clubs anbietet. Dort sagt er: Die Juden „sind vielmehr des Gottesmordes mitschuldig, so lange sie sich nicht durch das Bekenntnis der Gottheit Christi und die Taufe von der Schuld ihrer Vorväter distanzieren“ und offen wiederspricht er der These des 2. Vatikanischen Konzils, „man könne die Ereignisse des Leidens Christi weder allen damals lebenden Juden ohne Unterschied noch den heutigen Juden zur Last legen“. Des Gottesmordes mitschuldig ist also ein jeder Jude, der nicht Christ wird, so primitiv geht das zu. Ganz offensichtlich um den zu erwartenden Versöhnungsschritt wissend wiederholt er seine These in einem offenen Brief an die deutschen Bischöfe vom Dezember 2008, drei Wochen vor Unterzeichnung des Versöhnungsdokuments: Dort schreibt er: „Wir sehen mit Trauer Papst Johannes Paul II. und nun auch Papst Benedikt XVI. in eine jüdische Synagoge gehen.“ Die Juden unserer Tage seien „nicht nur nicht unsere älteren Brüder im Glauben, wie der Papst bei seinem Synagogenbesuch in Rom 1986 behauptete; sie sind vielmehr des Gottesmordes mitschuldig.“ Noch kein Dekret war umschrieben; die Provokation hätte nicht deutlicher sein können; hier wurden Positionen besetzt. Und Rom, das über die Parteizugehörigkeit und die kritischen Äußerungen eines jeden Theologieprofessors der Welt Buch führt, soll nichts bemerkt haben? 

Man kann sich aussuchen, ob Rom diese Signale wirklich übersehen oder diesen Bodensatz an primitiver Menschenverachtung als quantité négligeable behandelt hat. Beides wäre ungeheuerlich. Es entspricht aber römischer Mentalität, dass man die formale Unterwerfung unter Papst und römisches Lehramt für wichtiger hält als inhaltliche Klärungen. Humiliter se subiecit („Er hat sich demütig unterworfen“), das war seit Jahrhunderten schon die Formel, mit der die Aufhebungen von Exkommunikationen und anderen Sanktionen begründet wurden. Vermutlich fehlte jede Sensibilität für die Tragweite der jüdischen Frage ebenso wie für die ökumenische Situation und unser Verhältnis zu anderen Religionen. Alle diese Fragen hat man unter der Rubrik „Ablehnung des 2. Vaticanum“ formalisiert und damit ihrer inhaltlichen Bedeutung entleert. 

Auch über die Gründe dieser Fehleinschätzung kann man nur Vermutungen anstellen. Sie mögen in der päpstlichen Fixierung auf Fragen des Sakramentes liegen. Entgegen dem 2. Vaticanum und seiner Rede vom in Wort und Gottesdienst handelnden Gottesvolk gilt die Kirche heute als das sakramental zentrierte „Geheimnis“, das durch die Bischöfe vermittelt wird und im Bischof seine Mitte findet. Dass mit diesen vier Herren nun das sakramentale Bischofsamt den Raum der katholischen Kirche verlassen hat, das scheint in Sachen kirchlicher Einheit die päpstliche Hauptsorge zu sein. Versöhnung mit den zahllosen gemaßregelten Priestern, Theologinnen und Theologen, den zum kirchlichen Dienst bereiten Frauen, den wiederverheirateten Geschiedenen, mit denen, die sich des Zwangszölibats entledigten und mit all denen, die unsere Kirche wohl oder übel verließen oder den Weg in die innere Emigration gegangen sind, all denen scheint Rom nichts zu schulden, denn in der römischen Heilsordnung gelten sie nichts. 

Statt dessen setzt man sich durch eine Versöhnungsgeste von allerhöchstem Rang bedingungslos mit einer Gruppe von ausdrücklich antisemitischen, antiökumenischen, antidemokratischen Menschen ins Benehmen, mit Gegnern der Gewissens- und Religionsfreiheit sowie der interreligiösen Gespräche. 64 Jahre nach der Befreiung von Auschwitz bringt man Katholikinnen und Katholiken in die peinliche Lage, eine historische Tatsache wieder zu bekräftigen, die nur noch Dummköpfe oder verbohrte Menschenverächter leugnen können. Das leidvolle und zugleich so kostbare Gedächtnis von Jüdinnen und Juden (Nachfahren und Überlebenden), die bisweilen wieder in die Stätten des Grauens zurückfinden, sich sogar bereit finden, unsere Bitten um Vergebung anzunehmen und zusammen mit uns in die Zukunft zu schauen, dieses Gedenken wird wieder einmal verletzt und verachtet.

Was denkt der Papst wirklich?

Die Vorgänge haben eine Kehrseite, über die vor allem nachzudenken ist. Trotz des besten Willens so vieler sind in der katholischen Kirche einige historische und theologische Grundlagen immer noch nicht saniert. Was denkt der Papst wirklich? Stellt er sich als Deutscher vorbehaltlos der Unheilsgeschichte, die wie Deutschen ausgelöst haben und die wir nicht mehr zurücknehmen können? Selbst bei seinem eindrucksvollen Auftritt in Auschwitz („ich musste kommen; „wie oft bin ich hinabgestiegen ...“) erweckte der Papst den Eindruck, die Deutschen seien von einigen Verbrechern verführt worden und unwissend ins Unglück gerannt. Er präsentierte sich als Sohn des Volkes, „über das eine Schar von Verbrechern ... Macht gewonnen hatte, so dass unser Volk zum Instrument ihrer Wut des Zerstörens und des Herrschens gebraucht und missbraucht werden konnte“. Er hat die Tatsache unterschlagen, dass und wie viele Deutsche sich zu diesem Grauen mit innerer Zustimmung herbeiließen. 

Der Papst kann nicht in die Nähe des Antisemitismus gerückt werden und es gibt keine Äußerungen von ihm, die diesen Verdacht auch nur aufkommen lassen. Aber in seinen theologischen Werken spielen die projüdische Sorgfalt und eine grundlegend bereinigte Theologie kaum eine Rolle; im letzten bleibt seine Theologie des Judentums ungeklärt; sie bewegt sich in den Bahnen der Kirchenväter. Beginn der 1990er Jahre ändert sich sein Interesse; neu beschäftigt er sich mit dem Judentum, ohne den christlichen Vorrang aufzugeben. „Die Geschichte Jesu soll die Geschichte aller werden, Abrahamssohnschaft sich zu den ‚Vielen’ hin ausweiten.“ So gesehen ist das Christentum also keine weitere Religion, sondern die Vermittlung zwischen Juden und den Völkern. Unklarheiten aber auch jetzt. Oft ist bei seiner theologischen Rede von Israel unklar, ob er das reale Israel der vorchristlichen Zeit, das fiktionale Israel der jüdischen kanonischen Schriften oder den gegenwärtigen Staat Israel meint. Die theologische und kulturell so reiche Geschichte des Judentums des vergangenen 2000 Jahre bleibt ausgeschlossen. Zu Recht hat er sich große jüdische Sympathien erworben, weil er als der große Konstrukteur der aktuellen Beziehungen zwischen Israel und Vatikan seit den 1980er Jahren gilt, die 1993/94 zum Grundlagenvertrag und der Aufnahme diplomatischer Beziehungen zwischen Israel und dem Vatikan führten. Er hat den historischen Besuch Johannes Pauls II. in Yad Vashem im Jahre 2000 mit vorbereitet, in dem der Papst seine Trauer über alles bezeugte, das in der Geschichte Christen den Juden angetan haben: „Die Kirche verurteilt Rassismus in jeder Form als eine Leugnung des Abbildes Gottes in jedem menschlichen Wesen.“ 

Aber Joseph Ratzinger hatte damals auch dafür gesorgt, dass jede Rede von der Schuld der Kirche vermieden wurde. Schuld sind „nur“ individuelle Christen, einzelne Söhne und Töchter der Kirche. Für den Platoniker Ratzinger bleibt diese Kirche selbst über alle Makel erhaben. Bei aller Hochschätzung des historisch aktuellen, als Staat existierenden Israel (für den Papst eine zum Staatswesen gewordene Religion; man vergleiche das Selbstverständnis des Vatikan) ist für ihn aber auch klar, dass die – in der katholischen Kirche realisierte - christliche Religion die Erfüllung aller Religionen, also auch die Erfüllung des Judentums bedeutet. Jesus hat gemäß Dominus Iesus (Nr. 15) „eine herausragende und einmalige, nur ihm eigene, ausschließliche, universale und absolute Bedeutung und Wichtigkeit“. Er (und nicht Israel) ist „das Ziel der menschlichen Geschichte, der Punkt, auf den hin alle Bestrebungen der Geschichte und der Kultur konvergieren, der Mittelpunkt der Menschheit, die Freude aller Herzen und die Erfüllung ihrer Sehnsüchte“. Bis hin zu den großen Artikeln über Europa und bis hin zur Regensburger Rede wird diese Position beibehalten. 

Trotz aller Freundlichkeit und trotz allen guten Willens, bei solch massiver, bedingungslos und kontextlos überzeitlicher Konzentration auf die Gestalt Jesu Christi bleibt für den Atem anderer Religionen, auch für das Judentum, keinerlei Raum mehr. Auch in seinem Jesusbuch hat Ratzinger/Benedikt XVI. die Theologie der ersten Jahrhunderte mit ihrer Theorie von der Ablösung des Judentums im Grunde nicht ersetzt. Einer ausdrücklichen Kritik werden die von Ratzinger so geliebten Kirchenväter nicht unterzogen. Noch 2006 lobt er den Theologen K. Adam, der noch 1943 behauptete, „dass Jesu Mutter in keinerlei physischem und moralischem Zusammenhang mit jenen hässlichen Anlagen und Kräften stand, die wir am Vollblutjuden verurteilen“. Gewiss, wir sollten auch Benedikt XVI. nicht mit puristischer Kritik überziehen. Was aber zu denken gibt, sind jene Unachtsamkeiten, die auf ein nur relatives Interesse, eine nur relative Achtsamkeit schließen lassen. K. Adam war wegen solch peinlicher Äußerungen ja schon seit Jahrzehnten bekannt. Es ist dieselbe Unachtsamkeit, die jetzt zu Roms Erklärung führen konnte, man hätte von Williamsons Umtrieben nichts gewusst. Diese Erklärung soll ja nur die Tatsache verdecken, dass man sich für die antisemitischen Umtriebe dieses scheinbar frommen, aber zutiefst gefährlichen Piusclubs bislang nicht interessiert hat. Kurz gesagt, auch die religiöse Missachtung des Judentums durch die genannten Herren kann sich auf eine Theologie berufen, die auch auf höchster katholischer Ebene noch keine Revision gefunden hat. Das Judentum wird nur unter den eigenen christlichen Bedingungen anerkannt. 

Es scheint, als habe sich im August 2005, also beim Besuch Benedikts XVI. in der Synagoge (Roonstraße) in Köln, der jüdische Repräsentant Abraham Lehrer von diesem vereinnahmenden Griff befreien wollen. Seinerseits einen Glaubensgenossen zitierend beschied er dem Papst bündig: „Seien Sie gute Christen und lassen Sie uns gute Juden sein.“ Zu solch offener und durchaus auch christlicher Liberalität hat sich der Papst bis heute nicht durchgerungen. 1987 soll J. Ratzinger bei einem offiziellen Treffen in New York zu jüdischen Repräsentanten gesagt haben, es sei das Ideal der Juden, Christ zu werden. Es kam zu Protesten; die Kontroverse wurde wegen der Übersetzungsprobleme nie ganz aufgeklärt. Ich vermute, dass Joseph Ratzinger damals am Konflikt seiner eigenen Gedankenführung zwischen dem sehr humanen Willen zur Anerkennung und seinem theologisch inspirierten Bekehrungstrieb scheiterte.

Wer gibt die Richtung an?

Hat der Papst den Forderungen der Bruderschaft insgeheim nicht schon vor Jahren nachgegeben? Zum Erschrecken zahlloser Zeitzeugen, Theologen und Historiker, aber zum Jubel der ökumenefeindlichen Bruderschaft interpretiert er im Jahre 2000 die konziliare Kirchenkonstitution so, dass aller Hochschätzung der evangelischen Kirchen die Grundlagen entzogen waren. Die evangelischen Kirchen sind keine Kirchen im katholischen Sinn; es kann also nicht sein, was nicht sein darf und von einer gemeinsamen biblischen Grundlage ist keine Rede. Viele können sich nicht des Eindrucks erwehren, dass diese Konzilsinterpretation wider besseres Wissen, zumindest auf Grund massiver Verdrängungen geschah, denn auch Ratzingers frühere Äußerungen klangen anders. Im Sommer 2007 vollzieht der Papst dann eine Art Ehrenrettung der tridentinischen Liturgie. Genauer Inhalt und exakte Tragweite dieser Aktion wurden nie offen dargelegt. 

Aber die Piusbruderschaft kann auch jetzt jubeln, denn ihre Fixierung auf die lateinische Liturgie wird legitimiert, ohne dass man über deren theologischen und gesellschaftspolitischen Hintergründe offen spricht. Ganz im Sinne der Bruderschaft darf jetzt wieder für die Bekehrung der Juden gebetet werden. In diesen Tagen wird schließlich eine „Versöhnung“ inszeniert, die Bischof Koch plötzlich zum inhaltsleeren Akt erklärt. Ließ und lässt sich Rom von dieser Gruppe Vorgestriger vor sich hertreiben? Ist man drauf und dran, vor dem Druck dieser Truppe die letzten eigenen Maßstäbe, nämlich die Schrift und die konziliar geschützte Tradition, zu verlieren? Laufen die Kritik des Papstes und die Kritik der Priesterbruderschaft an den Entwicklungen der katholischen Kirche nicht auffallend parallel? Lefèbvre und die Seinen beklagen den Verfall der Liturgie, J. Ratzinger spricht noch 2000 von deren Selbstzerstörung (warum nennt er nicht Ross und Reiter?). Schmidberger beschwört den Verfall aller Wahrheit, der Kardinaldekan die Diktatur des Relativismus. Die Lefèbvre-Leute verdammen die kritische Exegese, das Jesusbuch von Ratzinger/Benedikt XVI. ist von Angriffen gegen die historische Bibelkritik durchzogen. Diese unbelehrbare Gruppe schmäht jeden interreligiösen Dialog, für den Präfekten der Glaubenskongregation befinden sich alle Nichtchristen in einer ernsten „defizitären“ Situation. Die einen geben dem 2. Vatikanischen Konzil die Schuld für die schlimme Entwicklung, der Papst der nachkonziliaren Entwicklung. Propheten der Krise sind sie beide. Wer aber liefert überzeugende Gründe und gibt die Richtung an, die die Kirche nehmen muss? Wie können wir gegen diese Zangenbewegung gemeinsamer Kirchenschelte angehen? 

Ein letzter Gesichtspunkt wird oft übersehen. Im März 2006 berichtet Kardinal Kasper in Berlin vom Stand der jüdisch-katholischen Beziehungen. Er kann eine ansehnliche Liste erledigter und anzupackender Aufgaben aufzählen. Dann aber folgt eine erstaunliche Wendung: „Auch nach 40 Jahren“, sagt er, „stehen wir noch immer am Anfang. Am Anfang wovon? Alle diejenigen, die sich schon seit Jahr und Tag im jüdisch-christlichen Dialog engagieren, sind höchst erstaunt. Die katholische Hierarchie scheint eines zu übersehen: Christinnen und Christen vieler Länder setzen sich spätestens seit den 1950er Jahren, nachdem die erste Starre des Schocks gelöst ist, im Sinn der Reue, des Kennenlernens und einer gemeinsamen Zukunft mit dem Judentum auseinander. Sie besuchen das neu erstandene Israel, knüpfen Kontakte, lernen die schmerzvolle und zugleich reiche Geschichte des Judentums kennen, bauen intensive gemeinsame geistliche Erfahrungen auf, füllen Bibliotheken mit theologischen Büchern und Abhandlungen. Die geleistete theologische, kirchliche, spirituelle und allgemein menschliche Arbeit ist enorm. 

Und das alles soll nichts gewesen sein? Soll sich eine solche breite Bewegung von einigen Vorgestrigen beschimpfen und belehren lassen? Wie können die Kirchenleitungen und ihre im Gestrüpp ständiger Selbstbestätigung versandenden Kommissionen jetzt behaupten, wir stünden erst am Anfang? Es ist Zeit, endlich auf den Leuchter zu stellen, was an der Basis der katholischen Kirche alles geschehen ist und täglich geschieht. Dort, nicht in den kirchlichen Büros lebt das 2. Vatikanische Konzil schon lange. An der Basis trägt es seine Früchte. Offensichtlich wurde das auf höheren Etagen noch nicht bemerkt. Mehr noch, die Kirchenleitungen sind von einem krankhaften Misstrauen gegen alles durchtränkt, was sich ihrer unmittelbaren Kontrolle entzieht, was „von unten“ kommt, zu gesellschaftskritischen Auswirkungen führt oder zu eigenem kritischen Nachdenken anregt. Rom hat sich keine authentische Führungskompetenz zugelegt, sondern zu einer gefürchteten monokratischen Kontrollinstanz entwickelt. Deshalb ist auch der Papst daran zu erinnern, dass er – gerade kraft seines Petrusamtes – endlich auf die Stimme seiner Kirche zu hören und sich zu fragen hat, wie dort unten, in den Gemeinden, Gruppen und einzelnen Herzen eine neue Versöhnung stattfinden kann und schon lange vollzogen wird. Sie hätten ihm nachdrücklich erklären können, wes Geistes Kind die Herren dieser Priesterbruderschaft sind. 

Diese von oben nach unten gerichtete Denkform, diese immer mystagogisch belehrende, professoral aus alten Theorien schöpfende Redeweise hat sich bei Benedikt XVI. geradezu verselbständigt. Der Preis solcher kunstvollen, ästhetisch vielleicht ansprechenden, aber frei über der Wirklichkeit schwebenden Rede sind sich häufende Missverständnisse. Sie drohen zum Markenzeichen dieses Pontifikates zu werden. Schon in frühen Jahren sprach Professor Ratzinger von der Ortskirche; in Wirklichkeit meinte er die angestammten Bischofsrechte in seiner Diözese. In eindrucksvoller Weise schrieb der Kardinal über Wesen und Krise Europas, in Wirklichkeit meinte er die Rückkehr zu den katholischen Wurzeln eines Kontinents. In gewinnender Weise präsentierte sich der frisch gewählte Papst als „einfacher Arbeiter im Weinberg des Herrn“. In Wirklichkeit bezog er sich auf Bonaventura, der in einer Zeit der Krise Theologie und Philosophie polemisch in die Schranken wies und uns mit dem Maßstab des simplex et idiota, also des einfachen Gläubigen konfrontierte. Der Theologe Ratzinger bezieht sich auf Philosophie und meint die griechische Metaphysik, insbesondere Plato und Augustinus. Seit den 1990er Jahren spricht er von Aufklärung, meint aber Sokrates und Plato. Unter dem Titel „Glaube – Wahrheit – Toleranz“ erscheint ein Sammelband, der nur über Gefahren und Grenzen der Toleranz nachdenkt. Er fordert Vernunft und Rationalität ein, bezieht sich aber – viel konkreter – auf den in Jesus Christus gegenwärtigen Logos. Er rügt das moderne Denken wegen ihrer halbierten, funktionalistischen Vernunft, verschweigt aber, dass dieses Denkmodell von der Frankfurter Schule u.a. als Kritik an einer rationalisierten Theologie entwickelt wurde.  

Ich deute dieses Übermaß an Missverständnissen als Folge eines Dialogverlusts innerhalb unserer Kirche selbst. Das Gespräch wird von der Kirchenleitung nicht mehr gesucht. Keine Arroganz oder Gesprächsunfähigkeit ist der Grund, sondern eine Selbstüberforderung der Kirchenleitung, die sich von Krisenangst schütteln lässt und – leider - dort Unterstützung sucht, wo ebenfalls Untergang prophezeit wird, als ob unsere Kirche nicht vital wäre, lebte und sich auf die Nöte der Welt einließe. Die Miss- und die Unverständnisse häufen sich, weil die Kirchenleitungen nicht mehr auf ihre Glaubensgemeinschaften hören. Dies ist ein Grund der fatalen Fehlleistungen, von denen der aktuelle Fall nur ein Beispiel ist. 

Bleibt nur noch zu bedenken, welcher Bodensatz reaktionären Denkens sich in den Piuskreisen seit vierzig Jahren ausgebreitet hat. Die Priesterbruderschaft selbst ist ein Skandal. Sie lehnt zentrale konziliare Dokumente rundweg ab: die Konstitutionen zur „Kirche“, zur „Kirche in der Welt von Heute“, das Dekret zum „Ökumenismus“, die Erklärungen zu den „nichtchristlichen Religionen“ sowie zur „Religionsfreiheit“. Man gibt sich nicht nur antisemitisch, antiökumenisch, antidemokratisch; man verachtet nicht nur die Freiheit des Gewissens, die Religionsfreiheit und den geistlichen Respekt vor anderen Religionen, sondern auch die Neuzeit mit ihren Errungenschaften schlechthin. Obwohl die Kritik an der Moderne, an deren Subjektivismus, Relativismus und Materialismus auch J. Ratzinger nie fremd waren, nennt Bischof Tissier de Mallerais (einer der vier Lefèbvre-Bischöfe) noch im Jahre 2006 das hoch anerkannte, gewiss nicht des Progressismus verdächtige Buch Einführung in das Christentum von Joseph Ratzinger „ein Buch voller Häresien“; seine Positionen seien „schlimmer als Luther, viel schlimmer“. Das 2. Vatikanische Konzil gründe auf der Philosophie Kants, deshalb müsse es eines Tages getilgt werden. In einem Mitteilungsblatt der Piusbrüder ist 2005 zu lesen, der katholische Lehrer müsse die Hauptirrlehren unserer Zeit erklären, ohne sie zu loben. Schüler müssten sich mit „Luther, Descartes, Hume, Kant, Hegel und Sartre“ in der Weise beschäftigen, wie sich Medizinstudenten mit Krankheiten beschäftigen: mit dem Ziel, diese Krankheiten dann bekämpfen zu können. Es fragt sich nur, wer hier krank ist und wie man sich gegenüber Kranken verhält.

Von der Nützlichkeit eines Sündenbocks

Bleibt also die Frage, wer an dem gegenwärtigen Skandal schuld ist. Wie gehen wir, wie geht Bischof Koch damit um? Man erinnert sich lebhaft an einen offenen Brief, den Bischof Koch im August 2007 an den Präsidenten des Evangelischen Kirchenbundes schrieb. Anlass war dessen Reaktion auf die neuerliche römische Erklärung, die den evangelischen Kirchen ihr Kirchesein meint absprechen zu dürfen. Wer Kochs Brief aber ohne weitere Informationen liest, hat nun den Eindruck, der Evangelische Kirchenbund und dessen Mitglieder schlügen jetzt auf die katholische Kirche ein und zerstörten die bisherige Atmosphäre vertrauensvoller Zusammenarbeit. Bischof Koch zeigt sich beleidigt, so als sei der Affront nicht von seiner eigenen Kirche ausgegangen. „Fangt den Dieb!“ Offensichtlich gehört diese Strategie zur Selbstverteidigung in schwierigen Zeiten. Koch versteht die Irritation vieler und entschuldigt sich bei seinen jüdischen Mitbürgern. Das ist gut so. Man hätte jetzt etwa folgenden Satz erwartet, der die Glaubwürdigkeit dieser Entschuldigung unterbaut hätte: „Kein Verständnis habe ich für das Verhalten der verantwortlichen römischen Instanzen, die es blind und unsensibel zu diesem Desaster kommen ließen.“ (Mit vorsichtigen Worten hat sich Bischof Zollitsch inzwischen zu einer solchen Haltung durchgerungen.)

 Statt dessen aber müssen die Aggressionen wenigstens zum Schluss noch auf einen Sündenbock abgelenkt werden: „Kein Verständnis habe ich aber für Reaktionen von sogenannt kritischen Theologen wie Hans Küng.“ Was hat Küng gesagt? Koch: „Er tut so, als ob sich der Papst mit der Aufhebung der Exkommunikation definitiv mit den Traditionalisten versöhnt hätte. Dabei weiß er genau, dass das falsch ist.“ Bischof Koch täuscht sich, denn Küng weiß nur zu gut, welch enorme Signalwirkung diese Aufhebung der Exkommunikation haben sollte und gehabt hätte, wäre der Querschläger Williamson nicht dazwischen gekommen. Entgegen Kochs Unterstellung redet Küng nicht wider besseres Wissen, sondern auf Grund eines solchen. Aber Koch hat seinen Gegner gefunden, den er kurzerhand „verantwortungslos“ nennt. Das scheint ihn zu entlasten. So bleibt die Taktik der Verlierer immer dieselbe: Wer die Gründe des Desasters offen nennt, gilt als der Unruhestifter. Allerdings wird dies im vorliegenden Fall kaum mehr funktionieren. Es ist zuviel und zu Unverzeihliches geschehen.

30. Januar 2009

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Tübinger Erklärung

Erklärung von Professoren der Katholisch-Theologischen Fakultät zur Aufhebung der Exkommunikation der Bischöfe der „Priesterbruderschaft St. Pius X.“

Die Aufhebung der Exkommunikation der Bischöfe der „Priesterbruderschaft St. Pius X.“ stellt ein Ärgernis und eine schwere Belastung unserer Arbeit, aber auch der Arbeit vieler Priester, pastoraler Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen, Religionslehrer und Religionslehrerinnen dar. Wer sich auf dem Boden des II. Vatikanischen Konzils um eine Kirche und eine Theologie bemüht, die im offenen Dialog mit der Welt und den Religionen, insbesondere dem Judentum, stehen, fühlt sich vor den Kopf gestoßen.

Wir respektieren das Bemühen des Papstes um die Einheit der Kirche. Dennoch gibt es nunmehr in der katholischen Kirche Bischöfe, die die Religions- und Gewissensfreiheit ablehnen, offen eine antiökumenische Gesinnung zeigen, ein klerikalistisches Kirchenbild vertreten, innerhalb dessen das gemeinsame Priestertum aller Gläubigen kaum mehr Bedeutung hat, und die „konziliare Kirche“ bewusst verachten. Einer dieser Bischöfe leugnet zudem das ganze Ausmaß der Shoah und zeigt ein antisemitisches Denken. Damit steht er nach wie vor außerhalb der Communio der Kirche.

Wir befürchten, dass die Aufhebung der Exkommunikation dieser Bischöfe einen Wendepunkt in der nachkonziliaren Kirchengeschichte markiert. Sie wird mit dem Hinweis gerechtfertigt, dass es nach Konzilien oft Unterlassungen der Kirche waren, die zu einer Konsolidierung von Spaltungen führten. Doch lehrt die Kirchengeschichte auch gegenteilige Erfahrungen.

Für den Fall weiterer Zugeständnisse an die „Priesterbruderschaft St. Pius X.“ fürchten wir bleibende Konflikte und Zerwürfnisse zum Schaden der Kirche. Es ist uns unverständlich, dass solche in die Kirche hereingeholt werden, die das II. Vatikanische Konzil offen ablehnen, andere hingegen, die ihre Arbeit auf der Grundlage dieses Konzils verstehen, wie etwa die Vertreter der Befreiungstheologie, herausgedrängt wurden und werden. Hierbei scheint uns das Gerechtigkeitsprinzip nicht gewahrt.

Wir sind in großer Sorge um die Einheit der Kirche auf der Grundlage des II. Vatikanischen Konzils und rufen die Bischöfe, alle Kolleginnen und Kollegen im akademischen Lehramt, alle mit der Verkündigung Beauftragten und alle katholischen Christen und Christinnen auf, das Erbe dieses Konzils standhaft einzufordern und zu verteidigen.

Urs Baumann, Albert Biesinger, Franz-Josef Bormann, Thomas Freyer, Ottmar Fuchs, Norbert Greinacher, Bernd Jochen Hilberath, Andreas Holzem, Joachim Köhler, Karl-Josef Kuschel, Dietmar Mieth, Andreas Odenthal, Richard Puza, Hans Reinhard Seeliger, Michael Theobald

[Letzte Änderung: 30.01.2009]

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Erklärung des Bischofs vom 1. Februar 2009

"In den vergangenen Tagen haben die Vorgänge um die Aufhebung der Exkommunikation von vier Bischöfen der „Priesterschaft St. Pius X.“ bei vielen Menschen innerhalb und außerhalb der Kirche Verunsicherung, Unverständnis und Enttäuschung hervorgerufen. Besonders erschwerend war der – sicher nicht gewollte - Zusammenfall dieses von Papst Benedikt XVI. als Versöhnungsgeste verstandenen Aktes mit den völlig inakzeptablen Aussagen, mit denen Bischof Richard Williamson die Verbrechen der Nationalsozialisten an den Millionen jüdischer Menschen leugnet und die Schoa in Frage stellt. Es belastet mich als Bischof und als Seelsorger, dass diese Vorgänge zur äußeren und inneren Entfremdung zahlreicher Gläubiger von der Kirche, zu einem Vertrauensverlust besonders der jüdischen Schwestern und Brüder gegenüber der Kirche sowie zu einer erheblichen Störung des christlich-jüdischen Dialogs geführt haben. In den Augen vieler beeinträchtigen diese Ereignisse die Glaubwürdigkeit der katholischen Kirche.


Theologie und Pastoral unserer Diözese, von mir als Bischof verantwortet, sind und bleiben ohne Wenn und Aber dem Erbe des Zweiten Vatikanischen Konzils und seinen zentralen Anliegen verpflichtet, die auch durch die nachkonziliaren Päpste Paul VI., Johannes Paul I. und Johannes Paul II. kontinuierlich umgesetzt worden sind.


Die Einheit der Kirche ist ein hohes Gut, dem zu dienen eine herausragende Aufgabe des Papstes und der Bischöfe ist. Aber diese Einheit ist nicht mit einer Leugnung grundlegender Aussagen des Konzils zu vereinbaren. Sonst wird sie um den Preis erkauft, dass viele Gläubige sich innerlich oder äußerlich abwenden, für die sich mit dem Konzil eine redliche Zeitgenossenschaft der Kirche mit den Menschen von heute, mit ihrer „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst“, verbindet. Die Einheit nach der einen Seite darf nicht zur Entfremdung nach der anderen Seite führen.


Die Aufhebung der Exkommunikation der Bischöfe der „Priesterbruderschaft  St. Pius X.“ muss uns allen Anlass sein, das Zweite Vatikanische Konzil in seiner großen Bedeutung weiterhin und noch intensiver zu erschließen und zu verwirklichen.


Dies gilt für das Verständnis und die Gestalt der Kirche, für die Öffnung der Kirche gegenüber den sozialen Entwicklungen, der Zivilisation und der Kultur der modernen Welt, in der Menschenrechte und Menschenwürde konstitutiv sind.


Dies gilt für die Religionsfreiheit und insbesondere für eine neue Würdigung des Judentums in seiner gottgewollten Bedeutung für das Christentum sowie eine Vertiefung des Dialogs mit den Juden als unseren „älteren Schwestern und Brüdern“.


Dies gilt für das klare Bekenntnis zur Ökumene und zur Förderung der Einheit der Christen.


Dies gilt schließlich und nicht zuletzt für die Liturgie der Kirche, die dem Zweiten Vatikanischen Konzil ein herausragendes Anliegen ist.


Der Wille zur wirklichen Einheit muss auf Gegenseitigkeit beruhen. Wer immer sich zur Kirche bekennt, kann nicht wesentliche Grundanliegen des Konzils in Frage stellen. Sonst käme es lediglich zu einer Scheineinheit." 


(Gleich lautende Texte sind zudem über das Internet-Portal der Diözese Rottenburg-Stuttgart unter der Adresse www.drs.de abrufbar.)


Redaktion: Karin Schieszl-Rathgeb

Online-Redaktion


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http://www.badische-zeitung.de/nachrichten/ausland/das-schadet-der-glaubwuerdigkeit--10816203.html

(Badische Zeitung)

"Das schadet der Glaubwürdigkeit"

ROM. Im Streit um die antisemitischen Äußerungen des britischen Bischofs Richard Williamson verteidigt der Vatikan die Annäherung der katholischen Kirche an die traditionalistische Lefèbvre-Strömung (BZ vom Montag). Unabhängig vom Fall Williamson kritisierte der Freiburger Theologe Eberhard Schockenhoff die Entscheidung gestern scharf.


Grundsätzlich handele es sich um zwei voneinander unabhängige Fragen, sagte Vatikansprecher Federico Lombardi. Auch der deutsche Kardinal Walter Kasper, in der Kurie für Ökumene und den Dialog mit dem Judentum zuständig, sagte am Montag der Zeitung La Repubblica: "Die Aufhebung der Exkommunikation darf nicht mit den Äußerungen Williamsons vermischt werden." Lombardi nannte dessen Kommentare in einem Fernsehinterview "in keiner Weise akzeptabel". Kasper sagte, den Holocaust zu leugnen, sei dumm. Auch die Deutsche Bischofskonferenz bezeichnete Williamsons Worte am Montag als inakzeptabel. Vatikanintern war allerdings auch von einem schweren Fehler die Rede.


Williamson hatte in einem am vergangenen Mittwoch ausgestrahlten Interview mit dem schwedischen Sender SVT behauptet, er glaube nicht daran, dass es im Dritten Reich Gaskammern gegeben habe und sechs Millionen Juden umgebracht worden seien. Am Samstag hatte Papst Benedikt XVI. den Kirchenbann Williamsons und dreier anderer Bischöfe aufgehoben. Sie waren 1988 vom traditionalistischen Bischof Marcel Lefèbvre ohne Genehmigung von Papst Johannes Paul II. zum Bischof geweiht worden und deshalb exkommuniziert worden. Die Lefèbvrianer wehren sich bislang gegen die Reformen des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962 bis 65), etwa den Dialog mit anderen Religionen, und beharren auf traditionellen Riten. Gegen das Dekret zur Wiedereingliederung Williamsons in die Kirche hatten am Wochenende jüdische Organisationen protestiert.


Nach Ansicht des Freiburger Theologen Eberhard Schockenhoff ist die Aufhebung des Schismas widersprüchlich. "Es ist nun möglich, Bischof der katholischen Kirche zu sein, ohne in der vollen Gemeinschaft ihres Glaubens zu stehen", sagte er am Montag in Freiburg. Die strittigen Punkte beträfen zentrale Aussagen des kirchlichen Glaubens wie das Offenbarungsverständnis und das Kirchenbild. Konkret nannte Schockenhoff die Lehre vom gemeinsamen Priestertum aller Gläubigen, von der Kirche als universalem Sakrament des Heils und vom allgemeinen Heilswillen Gottes sowie die Anerkennung der Religionsfreiheit und die Aussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils über die Würde des Gewissens. Unter Papst Johannes Paul II. hätten die Verhandlungen unter dem Grundsatz gestanden, dass eine Wiedereingliederung der exkommunizierten Bischöfe ihre Anerkennung der strittigen Aussagen zwingend voraussetze. Sie zählten zu den Grundlagen kirchlicher Einheit, die auch für den Papst unverfügbar seien. "Wenn dieser nun durch sein Entgegenkommen den Eindruck erweckt, zentrale Glaubensaussagen der Kirche stünden zu seiner strategischen Disposition, schadet das der Glaubwürdigkeit seines Amtes", so der Theologe. Der Papst selbst sei dann kein verlässlicher Garant des katholischen Glaubens mehr, wie ihn das jüngste Konzil verbindlich verkündet habe.


27. Januar 2009

Veröffentlicht in der gedruckten Ausgabe der Badischen Zeitung,
von: Julius Müller-Meiningen

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Erklärung der Freiburger Fakultät

Die unterzeichnenden Professoren der Theologischen Fakultät der Universität Freiburg nehmen mit großer Irritation zur Kenntnis, dass Benedikt XVI. durch das Dekret vom 21.01.2009 die Exkommunikation von vier Bischöfen der Priesterbruderschaft aufgehoben hat. Wir sind uns darüber im Klaren, dass davon die sich anschließenden öffentlichen Reaktionen zu unterscheiden sind. Es gibt keinen Anlass daran zu zweifeln, dass die Entscheidung Benedikts XVI. nicht in sachlichem Zusammenhang mit der Holocaust-Leugnung von Bischof Williamson steht.

Dies hat er in seiner Generalaudienz am 28.01.2009 unmissverständlich klargestellt. Gleichwohl bedauern wir die mangelnde Sensibilität seines Vorgehens. Es dürfte vieler Gespräche bedürfen, um das unter Johannes Paul II. gewonnene Vertrauensverhältnis zwischen Menschen jüdischen Bekenntnisses und katholisch gläubigen Christen wiederzugewinnen.

Die Aufhebung der Exkommunikation der illegitim geweihten Bischöfe der Piusbruderschaft gibt uns aber auch Anlass zu grundsätzlichen kritischen Anfragen.

1. Es ist uns unverständlich, dass die Exkommunikation der schismatischen Bischöfe aufgehoben wurde, bevor sie grundlegende Lehraussagen des Zweiten Vatikanischen Konzils akzeptiert haben.

Bis heute werden Konzilsaussagen wie die zur Religionsfreiheit, zur Würde des individuellen Gewissens, zum allgemeinen Heilswillen Gottes, zum gemeinsamen Priestertum aller Gläubigen oder zur besonderen heilsgeschichtlichen Rolle der jüdischen Brüder und Schwestern (Nostra aetate 4) im Kontext der Piusbruderschaft ignoriert oder gar konsequent verneint. Eine solche Ablehnungshaltung kann selbst dann nicht unberücksichtigt bleiben, wenn die mangelnde Einheit unter Christinnen und Christen sehr schmerzhaft empfunden wird.

2. Als Theologen aus dem Ursprungsland der Reformation bedauern wir zutiefst, dass die Aufhebung der Exkommunikation nicht nur die Beziehungen zu den Menschen jüdischen Bekenntnisses erschweren, sondern auch die Gräben zu den Kirchen der Reformation vertiefen wird. Dem antiökumenischen Affekt der Piusgemeinschaft wird so innerkatholisch Auftrieb gegeben. Das Zweite Vatikanische Konzil hat seinen Willen zur Ökumene eindeutig bekundet.

3. Der Glaubwürdigkeit des Eintretens für die universale Menschenwürde und freiheitliche gesellschaftliche Rechtsordnungen wird massiver Schaden zugefügt, wenn die oben bezeichneten Glaubensaussagen in Frage gestellt werden. Die vielfältigen Bemühungen von Christinnen und Christen weltweit, für freiheitliche Grundrechte einzutreten, werden durch die Aufhebung der Exkommunikation der Bischöfe der Piusbruderschaft konterkariert. Es wäre deshalb dringend angezeigt gewesen, die Aufhebung der Exkommunikation von einem positiven Bekenntnis zu den konziliaren Aussagen abhängig zu machen. Bis heute zeigen die illegitim geweihten Bischöfe kein Umdenken in all diesen Punkten oder gar Reue über den der Kirche und ihren Anliegen zugefügten Schaden. Vielmehr hat die Piusbruderschaft immer wieder festgestellt, dass der katholische Glaube in ihr bewahrt worden und durch das Zweite Vatikanische Konzil verletzt worden sei.

4. Nach unserer Auffassung kann es kirchliche Einheit nur in grundsätzlicher Übereinstimmung des Glaubens geben. Grenzen können fließend sein, aber nicht in substantiellen Fragen. Darum befürchten wir, dass die Vorfälle der letzten Tage dem Amt des Papstes schaden. Sein Einheitsdienst ist bezogen auf den gemeinsamen Glauben. Denn das Papstamt ist das „sichtbare Prinzip der Glaubenseinheit und der Gemeinschaft“ (Lumen Gentium 18).

Deshalb können wir das Dekret vom 21. Januar 2009 nur als befremdlich bezeichnen.

Wir teilen die Sorge des Papstes um die Einheit aller Christen. Die Glaubensgemeinschaft muss in einer Kirche, die stets Kirche in einer sich dynamisch verändernden Welt ist, immer wieder neu festgestellt werden. Das Entgegenkommen in der Aufhebung der Exkommunikation kann den Eindruck erwecken, zentrale Glaubenssaussagen stünden zur strategischen Disposition des Papstes. Dies gefährdet die Glaubwürdigkeit seines Amtes, in dem er verlässlicher Garant des katholischen Glaubens sein soll.

(Sperrfrist 29.01.2009, 16.00 Uhr)


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http://www.domradio.com/aktuell/artikel_50020.html

(Domradio Köln)


28.1.2009


„Wir bitten den Papst um Vergebung“

Priesterbruderschaft Pius X. distanziert sich von Bischof Williamson - Papst fordert Anerkennung des Konzils


Die Wiederaufnahme von vier Traditionalisten-Bischöfen in die katholische Kirche belastet das Verhältnis zwischen katholischer Kirche und Judentum. Jüdische Vertreter kündigten an, den Dialog vorerst nicht fortsetzen zu können. Auch Bischofskonferenzen in Europa verurteilen den britischen Bischof Richard Williamson. Die Leitung der Priesterbruderschaft Pius X. hat sich inzwischen von ihm und seinen Holocaust-Äußerungen distanziert. Papst Benedikt XVI. unterstrich derweil, dass er von den Traditionalisten die Anerkennung des II. Vatikanischen Konzils erwarte.


Die Leitung der traditionalistischen Priesterbruderschaft Pius X. distanzierte sich am Abend von den Äußerungen Williamsons und entschuldigte sich beim Papst und „allen Menschen guten Willens“. Der Generalsuperior der Pius-Bruderschaft, Bernard Fellay, teilte mit, er habe dem Bischof bis auf weiteres jede öffentliche Stellungnahme zu politischen oder historischen Fragen untersagt.


Fellay erklärte, Williamson habe mit seinen Äußerungen sein kirchliches Mandat entschieden übertreten und seine Gemeinschaft diskreditiert. „Wir bitten den Papst und alle Menschen guten Willens um Vergebung für die dramatischen Auswirkungen dieses Vorgangs“, heißt es in einem im Vatikan bekanntgewordenen Schreiben. „Mit Traurigkeit müssen wir feststellen, dass sie direkt unsere Bruderschaft getroffen und ihre Mission diskreditiert haben.“ Die Behauptungen von Williamson in dem TV-Interview gäben in keiner Weise die Position der Bruderschaft wieder.


Auch der deutsche Distriktobere der Priesterbruderschaft, Franz Schmidberger, hat sich erschüttert über Aussagen Williamson. Die Verharmlosung der Judenmorde des NS-Regimes und dessen Greueltaten seien für die Priesterbruderschaft inakzeptabel, erklärte Schmidberger am Mittwoch in Stuttgart. Eine Distanzierung sei schon deshalb „selbstverständlich“, weil der Vater von Erzbischof Marcel Lefebvre, des Begründers der Priesterbruderschaft, „selbst in einem KZ umgekommen ist und auch viele katholische Priester in Hitlers Straflagern ihr Leben ließen“.


Auf Anfrage präzisierte Schmidberger auch eigene Einschätzungen über Juden. Die Aussage, die heutigen Juden trügen die Schuld ihrer Väter, müsse „auf jene Juden eingeschränkt werden, welche die Tötung Jesu Christi gutheißen“. Zugleich betonte Schmidberger, auch für „die heutigen Juden ist der fleischgewordene Gott, Jesus Christus, der Erlöser und einzige Weg zum Heil“. Es gebe für Juden „keinen separaten Heilsweg“. Da Jesus, Maria und alle Apostel Juden gewesen seien, könne allerdings „kein aufrechter Christ Antisemit sein“.


Bistum Regensburg: Hausverbot für Williamson

Unterdessen teilte das Bistum Regensburg mit, Williamson habe in der Diözese Hausverbot. Bischof Gerhard Ludwig Müller bekundete im Bayerischen Rundfunk die Erwartung, dass der Traditionalistenbischof sich von seinen „zutiefst menschenverachtenden“ Äußerungen distanziere und sein Amt nicht mehr ausübe. Williamson hatte den Holocaust in einem Interview geleugnet, das in zum Landkreis Regensburg gehörenden Zaitzkofen aufgezeichnet wurde. Deshalb wird gegen ihn wegen Volksverhetzung ermittelt.


Zur Aufhebung der Exkommunikation von Williamson und drei weiteren Traditionalisten-Bischöfen durch Benedikt XVI. sagte Müller, der Papst habe damit „einer randständigen Gruppierung beide Hände gereicht“. Drei der vier Bischöfe hätten sich dankbar gezeigt. Williamson aber habe mit seinen Äußerungen dem Papst „ins Gesicht geschlagen“. In einem Brief an den Vatikan bat Müller nach eigenen Angaben um Klärung der kirchenrechtlichen Verfassung der Piusbruderschaft und ihres Priesterseminars in Zaitzkofen. Auch der künftige Bischof von Münster, Felix Genn, bezeichnete eine Leugnung des Holocaust als inakzeptabel. Wer diese „schreckliche Last unseres Volkes leugnet, richtet sich gegen die Menschlichkeit und gegen jede Schwester und jeden Bruder aus dem jüdischen Volk“, sagte er in Düsseldorf.


Israel erwartet Klarstellung

Die Debatte belastet nunmehr auch die Beziehungen von Israel zum Vatikan. Israels Botschafter beim Heiligen Stuhl, Mordechay Lewy, forderte am Mittwoch vom Vatikan, sich von Williamson zu distanzieren. „Wir erwarten von höchster Seite des Heiligen Stuhls eine Klärung“, betonte Lewy der Mailänder Tageszeitung „Corriere della Sera“ vom Mittwoch zufolge. Der Vatikan müsse klar stellen, ob die Dokumente des Zweiten Vatikanischen Konzils über Religionsfreiheit und die Öffnung für den Dialog mit den Juden für Katholiken bindend seien, forderte Lewy. Ohne eine klare Distanzierung seitens des Papstes drohe die Leugnung des Holocausts innerhalb der katholischen Kirche akzeptabel zu werden, warnte der Diplomat.


Israelische Zeitungen hatten ein „dreimonatiges Moratorium“ für die Kontakte der jüdischen Gemeinschaft zum Vatikan empfohlen. Für diesen Zeitraum sollte die Regierung in Tel Aviv den Botschafter beim Heiligen Stuhl zurückbeordern.


Knobloch: Gespräch mit katholischer Kirche nicht fortsetzen

Die Präsidentin des Zentralrats der Juden in Deutschland, Charlotte Knobloch, sagte auf „N24“, für sie als Holocaust-Überlebende sei das Gespräch mit der katholischen Kirche momentan nicht fortzusetzen. Nun müsse der Vatikan in erster Linie „überlegen, inwieweit man die nach 1945 mühsam errichteten Verbindungen zwischen der katholischen Kirche und dem Judentum fortführen“ wolle. Was sie in letzter Zeit aus dem Vatikan vernommen habe, entsetze sie.


Die Orthodoxe Rabbinerkonferenz Deutschlands (ORD) nannte die Aufnahme Williamsons einen „untragbaren“ Schritt. Ein Dialog mit Vertretern des Vatikan sei derzeit nicht möglich, erklärte ORD-Vorstandsbeirat Julian-Chaim Soussan in Berlin. Er habe von einem Papst deutscher Herkunft eher erwartet, dass er Schoah-Leugner ausschließe, nicht aber rehabilitiere.


Zentralrats-Vizepräsident Salomon Korn sprach in der „Frankfurter Allgemeinen Zeitung“ von einem „klaren Affront“ gegen die jüdische Gemeinschaft. Zugleich lobte er die Reaktionen aus der Deutschen Bischofskonferenz. Diese hatte sich von Williamson distanziert und an die vier Bischöfe der Priesterbruderschaft Pius X. appelliert, sich „unmissverständlich und glaubwürdig“ zum Zweiten Vatikanischen Konzil (1962-1965) mit seiner Absage an jeden Antisemitismus zu bekennen.


Auch Bischofskonferenzen in Europa verurteilten die Behauptungen Williamsons. Kritik kam vor allem aus Frankreich, Italien, Österreich und der Schweiz.


Papst: Traditionalisten müssen das Konzil anerkennen

Derweil hat Papst Benedikt XVI. am Mittwoch auf die Kritik reagiert. Nach der Rücknahme der Exkommunikation der vier Traditionalisten-Bischöfe erwarte er von diesen ernsthafte Schritte zur Einheit. Dazu gehörten „volle Gemeinschaft mit der Kirche sowie echte Treue und echte Anerkennung des Lehramts und der Autorität des Papstes und des Zweiten Vatikanischen Konzils“, betonte der Papst bei seiner wöchentlichen Generalaudienz im Vatikan. Er habe diesen „Akt der väterlichen Barmherzigkeit“ aus seinem Auftrag heraus vorgenommen, sich als Nachfolger des Apostels Petrus um die Einheit der Kirche zu bemühen.


(kna,dr,epd)


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http://www.theologie-und-kirche.de/muenster-protest.pdf


Erklärung zur Rücknahme des Exkommunikationsdekrets gegen die Bischöfe der „Priesterbruderschaft St. Pius X.“ und zu den Äußerungen von Bischof Williamson

In den letzten Tagen haben die Rücknahme des Exkommunikationsdekrets gegen die 1988 von Erzbischof Lefebvre ohne Erlaubnis und gegen den Willen des damaligen Papstes geweihten Bischöfe sowie die Aussagen eines dieser Bischöfe zur Shoah erhebliches öffentliches Aufsehen erregt. Hierzu nehmen wir wie folgt Stellung:

1. Wir sind uns dessen bewusst, dass beide Vorgänge grundsätzlich voneinander zu trennen sind. Meldungen wie „Papst rehabilitiert Holocaust-Leugner“, die jetzt häufig zu finden sind, stellen einen Zusammenhang her, der so nicht intendiert war, auch wenn die Aussage sachlich stimmt.

2. Wir würdigen das Bemühen des Papstes um Einheit in der Kirche. Das Verständnis vom Petrusamt als Dienst an der kirchlichen Einheit, das der Theologe Joseph Ratzinger stets vertreten hat, kommt hier zum Ausdruck. Wäre die Großzügigkeit und Offenheit, die man jetzt gegenüber der „Priesterbruderschaft St. Pius X.“ zeigt, auch anderen Gruppen und Individuen gegenüber angewandt worden, die wegen ihres Verhaltens oder ihrer Lehre nicht mehr in der kirchlichen Gemeinschaft stehen, dann hätten viele Trennungen und Schismen wieder geheilt werden können.

3. Als Professorinnen und Professoren der Katholisch-Theologischen Fakultät in Münster stehen wir fest auf dem Boden des II. Vatikanischen Konzils. Joseph Ratzinger war in den Jahren des Konzils Mitglied unserer Fakultät und hat als Konzilsberater viele der Texte entscheidend mit beeinflusst. Die Prinzipien einer offenen Begegnung mit der Welt und der Kultur von heute, der Religions- und Gewissensfreiheit, die Würdigung des ökumenischen Dialogs und des interreligiösen Austausches sind Grundlagen unserer theologischen Arbeit.

4. Daher sind wir bestürzt darüber, dass gerade Bischöfe, die viele dieser Grundsätze und damit zentrale Inhalte der kirchlichen Lehre explizit ablehnen, rehabilitiert werden. Dieser Vorgang beschädigt die Glaubwürdigkeit der Kirche erheblich und desavouiert darüber hinaus unsere Bemühungen, das Konzil in der theologischen Arbeit umzusetzen. Die Tatsache, dass die „Priesterbruderschaft St. Pius X.“ auch nach der Aufhebung der Exkommunikationen wichtige Teile des Konzils wie auch des Motu Proprio „Summorum Pontificum“ ablehnt, verschlimmert die Situation erheblich.

5. Die Reflexion der Beziehung zwischen Kirche und Judentum ist für uns – ebenfalls in Rezeption des II. Vatikanums – ein zentrales Element unserer Arbeit. Viele unserer aktiven und emeritierten Kolleginnen und Kollegen haben sich für ein erneuertes Verhältnis von Kirche und Judentum engagiert und hierfür wissenschaftliche und gesellschaftliche Anerkennung gefunden. Die Leugnung der Shoah, die Bischof Williamson in dem besagten Interview betrieben hat, steht also auch im diametralen Gegensatz zu diesen unseren theologischen Bemühungen.

6. Ein Bischof, der die historische Wahrheit im Wissen darum verfälscht, dass er damit nicht nur auf allgemeine gesellschaftliche Ablehnung stößt, sondern auch ein Delikt begeht, das in Deutschland strafrechtlich geahndet wird, darf nicht rehabilitiert, sondern muss in die Schranken gewiesen werden; er begibt sich damit in eine Situation der Schande, die nicht mit der Würde eines katholischen Bischofs vereinbar ist. Es ist ein Ärgernis, dass eine verbale Distanzierung von seinen Äußerungen die bisher einzige öffentliche Reaktion des Heiligen Stuhles ist.

7. Unsere Sorge um die Entwicklung der Kirche hat uns veranlasst, öffentlich zu den Vorgängen Stellung zu nehmen. Wir werden jedoch unsere Bedenken in geeigneter Form auch Papst Benedikt XVI. selbst gegenüber zum Ausdruck bringen.


Münster, 27. Januar 2009


unterzeichnende Professorinnen und Professoren


Antonio Autiero

Thomas Bremer

Giancarlo Collet

Martin Ebner

Reinhard Feiter

Alfons Fürst

Karl Gabriel

Reinhard Hoeps

Clemens Leonhard

Klaus Lüdicke

Johann Baptist Metz

Klaus Erich Müller

Thomas Pröpper

Klemens Richter

Clauß Peter Sajak

Dorothea Sattler

Stefan Schreiber

Marie-Theres Wacker

Harald Wagner

Jürgen Werbick

Annette Wilke

Erich Zenger

Reinhold Zwick

* ein Kollege konnte bisher nicht erreicht werden!


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http://www.kathweb.at/content/site/nachrichten/database/23812.html

(Katholische Presseagentur Österreich)


Kirchenrechtler: Lefebvrianische Priester sind weiter suspendiert

Bleibt Bruderschaft bei Ablehnung des Zweiten Vaticanums, könnte es erneut zu einer Exkommunikation kommen

27.01.2009


München, 27.1.09 (KAP) Der Münchner Kirchenrechtler P. Stephan Haering hat die Aufhebung der Exkommunikation der vier lefebvrianischen Bischöfen als Zwischenschritt bewertet. Mit dieser Maßnahme sei "noch keine Aussage über die ganze Priesterbruderschaft Pius X. getroffen", sagte er am Dienstag der deutschen katholischen Nachrichten-Agentur KNA: "Es ist davon auszugehen, dass alle Priester dieser Bewegung nach wie vor suspendiert sind". Das bedeute, dass sie etwa keine Sakramente spenden dürfen. Man könne also noch nicht von einer vollständigen Versöhnung sprechen.


Offen sei auch der künftige Rechtsstatus der Gemeinschaft, erläuterte der Benediktiner. Vor einer Festlegung müssten aber noch Lehrfragen geklärt werden, nicht zuletzt die Haltung der Bruderschaft zum Zweiten Vatikanischen Konzil. Es sei "nicht vorstellbar", dass Benedikt XVI. die Lefebvre-Anhänger von der Zustimmung zu einzelnen Punkten entbinde. Die Lefebvrianer müssten die ganze Lehrtradition der Kirche annehmen. Dazu gehörten auch die grundlegenden Feststellungen des jüngsten Konzils zur Gewissensfreiheit und zum Ökumenismus.


Sollte die Bruderschaft bei ihrer Ablehnung bleiben, könnte es erneut zu einer Exkommunikation kommen, sagte Haering. Ein Entgegenkommen der Kirchenleitung hält der Wissenschaftler bei der Frage für möglich, ob die lefebvrianischen Priester künftig auch das Messbuch 1970 bei der Feier der Heiligen Messe verwenden müssen. Dies sei "eine disziplinäre Frage".


Der Kirchenrechtler äußerte die Vermutung, dass bei den Maßnahmen des Vatikans auch "Taktik im Spiel" sei. Durch die Aufhebung der Exkommunikation hätten die vier Bischöfe keine moralische Legitimation mehr, "weitere Bischöfe zu weihen". Wenn sie nun in Gemeinschaft mit dem Heiligen Stuhl stünden, müssten sie auch anerkennen, dass das Ernennungsrecht für die Bischöfe beim Papst liege. Dadurch könne der Papst die künftige Richtung der Bruderschaft bestimmen. Die eigenmächtige Weihe von vier Bischöfen durch Erzbischof Marcel Lefebvre war 1988 der Grund für die Exkommunikation gewesen. (ende)


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Theologe Hans Küng: "Ein Obama muss Papst werden"



Prof. Dr. Hans Küng

Zur Person

Hans Küng, Jahrgang 1928, ist einer der bedeutendsten katholischen Theologen der Gegenwart. Der 1954 zum Priester geweihte Schweizer prägte die reformorientierte Theologie des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962 bis 1965) und den ökumenischen Dialog. #1966 holte er Joseph Ratzinger, den heutigen Papst, an die Universität Tübingen, wo er seit 1960 lehrte. Zum Bruch zwischen beiden kam es im Zug der 68er-Revolte. Wegen seines Bestsellers "Christ sein" und der Kritik an der "Unfehlbarkeit" des päpstlichen Lehramts geriet Küng in eine Auseinandersetzung mit dem Vatikan. Auf Betreiben Roms wurde ihm 1980 die Lehrerlaubnis an der katholischen Fakultät entzogen. Er blieb aber Professor.



Professor Küng, Papst Benedikt XVI. hat die Exkommunikation von vier traditionalistischen Bischöfen zurückgenommen. Darunter ist ein notorischer Leugner des Völkermords an den europäischen Juden. Markiert dieses Ereignis einen Wendepunkt des Pontifikats Benedikts XVI.?


Nein, es ist vielmehr der vorläufige Gipfel einer Bewegung, die schon seit längerem zu beobachten ist: Papst Benedikt ist leider immer mehr auf einen reaktionären Kurs eingeschwenkt. Dass er aber ausgerechnet in dem Moment, in dem sich die Ankündigung des Zweiten Vatikanischen Konzils durch Papst Johannes XXIII. zum 50. Mal jährt, die Exkommunikation von Leuten rückgängig macht, die die besten Resultate dieses Konzils leugnen, das bringt das Fass zum Überlaufen.


Sie sagen, der Papst sei "eingeschwenkt". Hat der Papst also zeitweilig tatsächlich eine andere Linie verfolgt, oder war das nur eine optische Täuschung?


Ich kann das vielleicht an mir selbst illustrieren. Der Papst hatte mich ja kurz nach seiner Wahl 2005 zu einem vierstündigen Gespräch in Castel Gandolfo empfangen. Das war eine sehr freundschaftliche Begegnung. Und das nach 20 Jahren kompletter Dialogverweigerung durch den Vatikan, auch durch den früheren Kardinal Joseph Ratzinger! Ich hatte angenommen, dass die Einladung an mich die erste einer Reihe von kühnen Taten sei, zu denen der Papst fähig sei. Aber er hat die Welt enttäuscht. Er hat seitdem keine Zeichen der Erneuerung mehr gesetzt, sondern ist im Gegenteil eins ums andere Mal zum Rückschritt hinter die Errungenschaften des Konzils angetreten - mit der Aufwertung der alten lateinischen Messe, mit der Wiedereinführung der Fürbitte zur "Bekehrung" der Juden und jetzt eben mit der Aufhebung der Kirchenstrafe für Feinde des Konzils.


Dann hätten jene recht bekommen, die der neuen Benedetto-Milde des Joseph Ratzinger nie getraut haben?


Er hätte die Chance gehabt, als Papst eine andere Linie einzuschlagen denn als Präfekt der Glaubenskongregation, die für alle Inquisitionsverfahren zuständig ist. Aber er hat diese Chance nicht nachhaltig genutzt, sondern zeigt jetzt wieder sein altes Gesicht.


Was treibt ihn dabei?


Ein tiefsitzender Konservatismus, den er in der Atmosphäre des Aufbruchs Anfang der 60er Jahre für kurze Zeit überwunden hatte. Doch schon nach drei Jahren an der Universität Tübingen, wo wir damals konstruktiv miteinander gearbeitet haben, beendete der Schock über die Revolte der 68er jäh Ratzingers reformerisches Zwischenhoch. Seit dieser Zeit ist er auf einem streng reaktionären Kurs, den er als Erzbischof von München, als Kardinal und jetzt eben als Papst verfolgt. Zum großen Schaden für die katholische Kirche.


Und mit Billigung seines Vorgängers, Papst Johannes Pauls II.


Für ihn hat er die ganzen Verfahren gegen unbotmäßige "linke" Theologen geführt. Sie alle haben keine so vornehme Behandlung erfahren wie jetzt die Traditionalisten. Zudem hat Ratzinger sämtliche reaktionären Lehrdokumente Johannes Pauls II. wesentlich mitbestimmt - denken Sie etwa an die als "unfehlbar" bezeichnete Lehräußerung, der liebe Gott wolle keine Frauen im Priesteramt haben.


Andererseits ist Johannes Paul II. der Mann der großen versöhnenden Gesten: Friedensgebet der Religionen in Assisi, Schuldbekenntnis der katholischen Kirche…


Dank dieses Sinns für Symbole wird er im Gedächtnis bleiben. Papst Benedikt dagegen ist in großer Gefahr, als Papst der Brüskierung in die Geschichte einzugehen: Erst hat er den Protestanten das Kirchesein abgesprochen, dann hat er dem Islam in seiner unglückseligen Regensburger Rede den Charakter der Unmenschlichkeit bescheinigt, und jetzt stößt er die Juden vor den Kopf, indem er einen Holocaust-Leugner wieder in die Kirche eingliedert.


Ist das Ungeschicklichkeit, oder zündelt er gerne?


Was er tut, tut er mit Absicht. Er ist aber offensichtlich im Vatikan so abgeschirmt und der realen Welt enthoben, dass er sich keine Vorstellung davon macht, wie verheerend sein Tun aufgenommen wird. Es ist ja nun wirklich nicht "notwendig", dass ein Papst alle Konfessionen, Religionen, ja die ganze Weltöffentlichkeit gegen sich aufbringt.


Sie kennen ihn lange genug: Hat Benedikt eine verborgene judenfeindliche Ader?


So einfach ist das nicht. Er ist schon für die Versöhnung mit den Juden. Aber theologisch ist sein Verhältnis zu den anderen Religionen verkrampft und ungeklärt. Und das wirkt sich besonders auf seine Haltung zum Judentum aus.


Trifft diese Beobachtung auch auf die Traditionalisten zu? Anders gefragt: Ist es mehr als Zufall, dass einer ihrer Bischöfe den Holocaust leugnet?


Auf jeden Fall. Der Antijudaismus hat in der katholischen Rechten eine unheilvolle Tradition. Und es gibt im vatikanischen Apparat eine ganze Reihe von Leuten, die ähnlich denken wie diese abtrünnigen Bischöfe. Sie würden zwar den Mord an den Juden nicht bestreiten, aber judenfreundlich eingestellt sind sie nicht.


Welchen Anteil an der päpstlichen Politik hat denn überhaupt die römische Kamerilla?


Einen großen Anteil. Das liegt daran, dass der Papst es versäumt hat, neue Leute zu installieren und sich mit den besten Beratern zu umgeben. So ist er ein Stück weit Gefangener von Leuten, die er selbst zu dem hat werden lassen, was sie sind. Aber ich glaube, er überschaut das gar nicht, und er hat den Apparat nicht im Griff.Was kommt als Nächstes?

Ich vermute, dass Papst Benedikt intelligent genug ist, um die Notwendigkeit eines Gegensteuerns zu erkennen. Er kann sich doch nicht um einer kleinen Schar zurückgebliebener, reaktionärer Katholiken willen die Sympathien von Abermillionen anderer Katholiken verscherzen, die sich eine offene, den Menschen zugewandte Kirche wünschen.


Und wenn es ihm nicht um "Sympathie" geht, sondern um "Wahrheit"?


Dann soll er sich gefälligst an die Beschlüsse des Zweiten Vatikanischen Konzils halten, ohne sie beständig gegen den Strich zu bürsten. Ein Papst gefährdet seine eigene Lehrautorität, wenn er meint, gegen ein Konzil antreten zu können.


Was empfinden Sie persönlich, wenn der Papst "um der Einheit willen", wie er sagt, den rechten Rand der Kirche streichelt, während er reformorientierte Kräfte stets geschurigelt hat, nicht zuletzt Sie selbst?


Es ist doch ein Schwindel, wenn man ohnehin illegal geweihte Bischöfe wieder aufnimmt, ohne dass sich diese vorher klar zu den Lehren der katholischen Kirche bekannt haben. Der alte Papst hatte das immer glasklar verlangt. Und wissen Sie: Ich bin sehr für Versöhnung. Aber dann soll der Papst sie doch zum Beispiel dem Befreiungstheologen Jon Sobrino aus El Salvador oder dem amerikanischen Jesuitenpater Roger Haight anbieten, die gerade wieder unter Lehr- und Publikationsverbot gestellt worden sind.


Was raten Sie den deutschen Katholiken?


Für die deutsche Kirche ist es außerordentlich peinlich, dass sich ausgerechnet ein deutscher Papst derartig gegenüber den Juden vergreift. In aller Welt wird man sagen, "natürlich, ein Deutscher, der kann mit den Juden nicht". Das hat er nicht gewollt, aber diesen Eindruck erweckt er zwangsläufig. Deshalb bin ich froh, dass die deutschen Bischöfe sich so unmissverständlich gegen die unsäglichen Dummheiten des englischen Traditionalisten gewandt haben. Aber es ist nicht nur an den deutschen Bischöfen, sondern vor allem am Papst, das nach rechts abdriftende Schiff der Kirche endlich wieder in die Mitte zu steuern.


Für wie wahrscheinlich halten Sie das?


Ich warte mal ab. Vielleicht lässt er sich ja doch noch von Barack Obama inspirieren, der Amerika in kurzer Zeit aus einem Stimmungstief und einem Reformstau herausgeführt und den Menschen eine glaubhafte Hoffnungsperspektive vor Augen gestellt hat. Im vorigen April hat es der Papst für richtig gehalten, seinen 81. Geburtstag mit George W. Bush zu verbringen. Es wäre zu hoffen, dass der Papst jetzt nicht nur mit dem Nachfolger feiert, sondern selbst eine Wende vollzieht, damit man wieder mit froherem Sinn katholisch sein kann. Wir brauchen einen Obama als Papst.


Interview: Joachim Frank


[ document info ]

Copyright © FR-online.de 2009

Dokument erstellt am 30.01.2009 um 17:44:01 Uhr

Letzte Änderung am 30.01.2009 um 20:23:56 Uhr

Erscheinungsdatum 30.01.2009


URL: http://www.fr-online.de/in_und_ausland/politik/aktuell/?em_cnt=1668171&em_loc=1231

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http://www.sueddeutsche.de/politik/999/456666/text/4/

30.01.2009 14:16 Uhr

Papst Benedikt XVI. - Wenn ein Obama Papst wäre...

Aber leider ist es ein Bush: Dem Pontifex bedeutet "Versöhnung" mit vier Erzreaktionären mehr als das Vertrauen der Katholiken.

Eine Außenansicht von Hans Küng

Präsident Barack Obama ist es gelungen, in kurzer Zeit die Vereinigten Staaten aus Stimmungstief und Reformstau herauszuführen, eine glaubhafte Hoffnungsvision vorzustellen und eine strategische Wende in der Innen- wie Außenpolitik dieses großen Landes einzuleiten.

Anders in der katholischen Kirche. Die Stimmung ist bedrückend, der Reformstau lähmend. Nach fast vier Jahren im Amt sehen viele Papst Benedikt XVI. auf der Linie eines George W. Bush. Kein Zufall, dass der Papst seinen 81. Geburtstag im vergangenen Jahr im Weißen Haus gefeiert hat. Beide, Bush und Ratzinger, sind lernunfähig in Fragen von Geburtenkontrolle und Abtreibung, abgeneigt allen ernsthaften Reformen, selbstherrlich und ohne Transparenz in ihrer Amtsführung, die Freiheiten und Rechte der Menschen einschränkend.

Keine Erwartungen mehr

Wie Bush seinerzeit, so leidet auch Papst Benedikt unter einem wachsenden Vertrauensverlust. Viele Katholiken erwarten von ihm nichts mehr. Schlimmer noch: Durch die Rücknahme der Exkommunikation von vier illegal geweihten traditionalistischen Bischöfen, darunter ein notorischer Holocaust-Leugner, wurden alle bei der Wahl Ratzingers zum Papst geäußerten Befürchtungen bestätigt.

Der Papst wertet Leute auf, die nach wie vor die vom Zweiten Vatikanischen Konzil bejahte Religionsfreiheit, den Dialog mit den anderen Kirchen, die Aussöhnung mit dem Judentum, die Hochschätzung des Islam und der anderen Weltreligionen sowie die Reform der Liturgie ablehnen.

Um die "Versöhnung" mit einem Häuflein erzreaktionärer Traditionalisten voranzubringen, riskiert dieser Papst den Vertrauensverlust von Millionen von Katholiken in allen Ländern, die dem Zweiten Vatikanischen Konzil die Treue halten. Dass gerade einem deutschen Papst solche Fehltritte unterlaufen, verschärft die Konflikte. Nachträgliche Entschuldigungen können das zerschlagene Porzellan nicht kitten.

Dabei hätte es ein Papst noch leichter als ein Präsident der Vereinigten Staaten, eine Kursänderung vorzunehmen. Er hat keinen Kongress als Legislative neben sich und kein Oberstes Gericht als Judikative über sich. Er ist uneingeschränkter Regierungschef, Gesetzgeber und höchster Richter in der Kirche. Er könnte, wenn er wollte, über Nacht die Empfängnisverhütung gestatten, die Priesterehe zulassen, die Frauenordination ermöglichen und die Abendmahlsgemeinschaft mit den evangelischen Kirchen erlauben.

Was würde ein Papst tun, der im Geist Obamas handelte? Er würde ähnlich wie Obama erstens deutlich aussprechen, dass die römisch-katholische Kirche sich in einer tiefen Krise befindet und würde die Krisenherde benennen: viele Gemeinden ohne Priester, ausbleibender Nachwuchs für das Priestertum, durch unpopuläre Pfarreifusionen verschleierter Zusammenbruch seelsorgerlicher Strukturen, die oft über Jahrhunderte gewachsen waren.

Auf der nächsten Seite lesen Sie mehr über den deprimierenden Kontrast zwischen Barack Obama und Benedikt XVI.

Er würde zweitens die Hoffnungsvision von einer erneuerten Kirche, einer revitalisierten Ökumene, einer Verständigung mit den Juden, den Muslimen und den anderen Weltreligionen und einer positiven Wertung der modernen Wissenschaft verkünden. Er würde drittensdie fähigsten Mitarbeiter um sich versammeln, keine Jasager, sondern eigenständige Persönlichkeiten, unterstützt von kompetenten und furchtlosen Experten. Er würde viertens die dringendsten Reformmaßnahmen durch Dekret ("executive orders") sofort initiieren und fünftens ein ökumenisches Konzil zur Beförderung des Kurswechsels einberufen.

Doch welch deprimierender Kontrast

Während Präsident Obama unter Zustimmung aus der ganzen Welt nach vorne blickt und sich den Menschen und der Zukunft öffnet, orientiert sich dieser Papst vor allem nach rückwärts, inspiriert vom Ideal der mittelalterlichen Kirche, skeptisch gegenüber der Reformation, zwiespältig gegenüber den Freiheitsrechten der Moderne.

Während Präsident Obama sich kooperativ neu um Partner und Bundesgenossen bemüht, ist Papst Benedikt wie George W. Bush im Freund-Feind-Denken befangen. Mitchristen in den evangelischen Kirchen stößt er vor den Kopf, indem er diese Gemeinschaften nicht als Kirchen anerkennt. Der Dialog mit Muslimen ist über Lippenbekenntnisse zum "Dialog" nicht hinausgekommen.

Das Verhältnis zum Judentum muss als tief gestört bezeichnet werden. Während Präsident Obama Hoffnung ausstrahlt, Bürgeraktivitäten fördert und eine "neue Ära der Verantwortlichkeit" fordert, ist Papst Benedikt in Angstvorstellungen befangen und will die Freiheit der Menschen möglichst einschränken, um eine "Ära der Restauration" durchzusetzen.

Keine Scheu vor der Zukunft

Während Präsident Obama in Washington offensiv die Verfassung und die große Tradition seines Landes zur Begründung kühner Reformschritte heranzieht, legt Papst Benedikt in Rom die Dekrete des Reformkonzils von 1962 bis 1965 restriktiv nach rückwärts aus: in Richtung auf das Restaurationskonzil von 1870.

Aber weil Papst Benedikt XVI. aller Wahrscheinlichkeit nach selber kein Obama wird, brauchen wir für die nächste Zeit erstens einen Episkopat, der die offenkundigen Probleme der Kirche nicht verschleiert, sondern offen benennt und auf Diözesanebene energisch angeht; zweitens Theologen, die aktiv an einer Zukunftsvision unserer Kirche mitarbeiten und keine Scheu haben, die Wahrheit zu sagen und zu schreiben; drittens Seelsorger, die sich wehren gegen die ständige Überbelastung durch Zusammenlegung von mehreren Pfarreien, und die ihre Eigenverantwortung als Seelsorger mutig wahrnehmen; viertens insbesondere Frauen, ohne die vielerorts die Seelsorge zusammenbrechen würde, die ihre Möglichkeiten des Einflusses selbstbewusst wahrnehmen.

Aber können wir das wirklich? Yes, we can.



Hans Küng, 80, ist emeritierter Professor für ökumenische Theologie in Uni Tübingen und Präsident der Stiftung Weltethos. 1980 ließ der Vatikan ihm die kirchliche Lehrerlaubnis entziehen.



(SZ vom 31.01.2009/cag)

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Originalaussagen der Priesterbruderschaft St. Pius auf deren Homepage


http://www.fsspx.info/bruderschaft/index.php?show=fragen&page=3


Wie ist die Haltung der Priesterbruderschaft St. Pius X. gegenüber dem II. Vatikanischen Konzil?


Wie man dem Buch von Ralph Wiltgen "Der Rhein fließt in den Tiber" entnehmen kann, geriet das II. Vatikanische Konzil praktisch von Anfang an in die Hände der "Rheinischen Allianz", einer Koalition liberaler Bischöfe hauptsächlich aus Frankreich, Deutschland und den Niederlanden. Papst Johannes XXIII. schlug sich ebenso wie sein Nachfolger Paul VI. auf die Seite der Liberalen. Diese dominierten daraufhin das Konzil. Das Ergebnis war ein Konglomerat von Texten, die teils rechtgläubig, teils mehrdeutig, teils aber auch von Irrtümern durchsetzt sind. In einer bewußt unklar und ungenau gehaltenen Sprache formuliert, sind sie insgesamt von einem liberalen Geist durchdrungen. Derselbe Geist zeigte sich deutlich in den nachkonziliaren Reformen und Richtlinien, die teilweise noch weit über die Texte des Konzils hinausgingen. Die Priesterbruderschaft lehnt es daher ab, das Konzil und seine Reformen anzunehmen, weil sie von jenem liberalen Geist geprägt sind, der nicht der Geist der Kirche ist.



http://www.fsspx.info/bruderschaft/index.php?show=fragen&page=13


Wie steht die Priesterbruderschaft zum Papst?


Die Bruderschaft handelt in der Annahme, daß Papst Benedikt XVI. Papst ist, und betet daher für ihn. Sie bemüht sich, ihn zur Rückkehr zur Tradition zu bewegen, indem sie für ihn betet, mit seiner Umgebung zusammenkommt und ihm schreibt.


Stand: 30.1.2009


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